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Kartenmaterial zum Unglück von Nachterstedt

Update 12.09.2009, 16.40 Uhr: Nach einem Hinweis von Gerhard Jost vom Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt (s. Kommentare unten) befinden sich, anders als die Kartenüberlagerung (s. unten) vermuten lässt, der Sportplatz und die südlich davon verlaufende Haldenstraße nicht auf Kippengelände.

Update 23.07.2009, 18 Uhr: Eintrag abgebauter Sicherheitspfeiler in Übersichtskarte

Update 24.07.2009, 22 Uhr: Kartenmaterial aktualisiert mit genaueren Umrissen der Rutschung und des Tagebaurestsees

Florian Jenn hat in seinem Blog den aus meiner Sicht ersten fachlichen Beitrag zum Unglück von Nachterstedt geliefert. Er zeigt geologisches und historisches Kartenmaterial des Tagebaus von Nachterstedt, auf dem dem Betrachter endlich eine Zuordnung der teils chaotischen medialen Fakten möglich ist. Bislang überschlagen sich die Medien mit Horrormeldungen über lebensgefährliche Braunkohlerestseen in Ostdeutschland. Zum Beispiel die ARD. Der Sender hatte gestern in den Tagesthemen Badegäste an einem Braunkohlenrestsee südlich von Leipzig suggestiv ausgefragt. Der Beginn des Beitrags impliziert bereits Gefahr:

Der Leipziger Süden zieht längst Urlauber an. Dass es hier gefährlich sein könnte, daran hat kaum einer gedacht, aber nun holt die Vergangenheit sie ein.

Eine interviewte Urlauberin gibt als Antwort auf eine im Beitrag nicht genannte Frage:

Ich weiß gar nicht, ob das hier gefährlich ist. Weiß man erst hinterher, ne.

Es fällt nicht schwer, sich die äußerst suggestive Frage des Reporters zusammenzureimen…

Wenn solche faktenlosen “Nachrichten” bereits im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen, ist abzuschätzen, was erst im Privat-TV an medialer Übertreibung gesendet wird. Jedes “Loch” in Deutschland wird mittlerweile von den Medien aufgegriffen, von teils selbst ernannten Experten per Liveschaltung bewertet und all das mit dem unterschwelligen Ziel, dem Zuschauer die scheinbar offensichtliche Gefahr solcher Restlöcher aufzuzeigen.

Florian Jenns Artikel macht noch einmal die Faktenlage deutlich. Nachterstedt ist ein besonderer Fall und kaum mit anderen Tagebaurestlöchern zu vergleichen. Die dort abgerutschte Kippe ist vor 1926 entstanden und aller Wahrscheinlichkeit nach kaum auf den sicherheitstechnischen Standards der Kippen basierend, die im letzten halben Jahrhundert in den deutschen Braunkohletagebauen angelegt wurden. Ich habe auf Grundlage von Florian Jenns Kartenmaterial einmal genauer an die Abbruchkante gezoomt (die rote Linie markiert die Rutschung und wurde relativ exakt aus Pressefotografien rekonstruiert):

Überlagerung eines GoogleMaps-Bildes und dem Preußischen Meßtischblatt 1:25000, Blatt 4134 Kochstedt, von 1906 (Quelle: GeoGreif)

Überlagerung eines GoogleMaps-Bildes und dem Preußischen Meßtischblatt 1:25000, Blatt 4134 Kochstedt, von 1906 (Quelle: GeoGreif) - blaue Fläche: Concordia-See nach der Rutschung; violette Linie: Böschungskante im Jahr 2006

Sehr schön zu sehen ist der um 1906 noch existierende alte Konkordia-Tagebau, auf den nach dessen Verfüllung mit Kippenmaterial (vor 1926) die Siedlung gebaut wurde. Die Abbruchkante der Rutschung verläuft mitten durch die ehemalige Grube.

In der geologischen Karte von 1926 ist die bereits verfüllte Grube zu sehen (gekästelt schraffierte Fläche):

Überlagerung einer GoogleMaps-Aufnahme mit einem Ausschnitt aus der Geologischen Karte 1:25000 von Preußen, Blatt 4134 Kochstedt, geologische Bearbeitung 1912–1922. Deutlich zu sehen ist der bereits verfüllte Konkordia-Tagebau (Kästchensignatur umrahmt von einer braunen Schraffur).

Überlagerung einer GoogleMaps-Aufnahme mit einem Ausschnitt aus der Geologischen Karte 1:25000 von Preußen, Blatt 4134 Kochstedt, geologische Bearbeitung 1912–1922. Deutlich zu sehen ist der bereits verfüllte Konkordia-Tagebau (Kästchensignatur umrahmt von einer braunen Schraffur). Blaue Fläche: Concordia-See nach der Rutschung; violette Linie: Böschungskante im Jahr 2006.

Interessant und in einer Dissertation von Peter Balaske (1998) nachzulesen ist, dass der Standort der Brikettfabrik ganz im Norden der hier gezeigten Abbildungen als so genannter Werkspfeiler nach 1975 abgebaut wurde. Bis dahin stützte dieser Block unveränderten (“gewachsenen”) Untergrundes die Kippe der alten Konkordia-Grube nach Norden zum großen, neuen Tagebau hin:

Überlagerung einer GoogleMaps-Aufnahme mit einem Ausschnitt aus der Lithofazieskarte Quartär 1:50000, Blatt 2363 Quedlinburg, Horizontkarte iE-Ho, Redaktionsschluß Januar 1975. Die Kreuzschraffur markiert Kippengelände.

Überlagerung einer GoogleMaps-Aufnahme mit einem Ausschnitt aus der Lithofazieskarte Quartär 1:50000, Blatt 2363 Quedlinburg, Horizontkarte iE-Ho, Redaktionsschluß Januar 1975. Die Kreuzschraffur markiert Kippengelände. Blaue Fläche: Concordia-See nach der Rutschung; violette Linie: Böschungskante im Jahr 2006.

Mit der Wegnahme des Pfeilers könnten sich die bis dahin offensichtlich stabilen Kippenverhältnisse verändert haben. Eine Möglichkeit ist, dass vorhandene Rippen im alten Konkordia-Tagebau als eine Art Gleitfläche für die überlagernden Auffüllmassen gedient haben. Als Auslöser der Rutschung ist der Einsturz einer alten Untertagestrecke diskutiert worden, der zur schlagartigen Verflüssigung der Kippenmassen geführt haben könnte.

Update, 23.07.2009, 18 Uhr:

Florian Jenn hat nun auch noch eine Karte in Balaskes Arbeit gefunden, die die Sicherheitspfeiler ausweist. Ich habe sie in die Karten hier übernommen. Zur besseren Übersicht noch das reine GoogleMaps-Bild:

GoogleMaps-Aufnahme ergänzt mit den Umrissen des nördlichen Werkspfeilers (blau), des südlichen Sportplatzpfeilers (grün), der Rutschung (orange) und der überwiegend vor 1926 angelegten Kippe, auf der die verunglückte Siedlung gebaut wurde.

GoogleMaps-Aufnahme ergänzt mit den Umrissen des nördlichen Werkspfeilers (blau), des südlichen Sportplatzpfeilers (grün), der Rutschung (orange) und der überwiegend vor 1926 angelegten Kippe, auf der die verunglückte Siedlung gebaut wurde. Blaue Fläche: Concordia-See nach der Rutschung; violette Linie: Böschungskante im Jahr 2006.

Update 24.07.2009, 22 Uhr: Interessant ist vor allem, dass die westliche Abbruchkante der Kippenmassen mit der östlichen Grenze des Sportplatzpfeilers (grün) identisch ist. Die nach Angaben des DLR aktualisierte Rutschungslinie liegt nun doch nicht mehr exakt auf der Ostbegrenzung des Sportplatzpfeilers. Wie oben bereits festgestellt, macht die Karte auch nochmal die mehr oder weniger ausgeprägte Überlappung zwischen dem ehemaligen Werkspfeiler/Brikettfabrik (blau) und dem Rutschungsumriss (orange) deutlich. Auch hier zeigen die genaueren Konturen ein etwas anderes Bild, wenngleich die Tendenz der Rutschung zum Pfeiler gleich bleibt. Anstelle der Sicherheitspfeiler wurde nach deren Abbaggerung rolliges Material aufgeschüttet. Die zeitliche Abfolge der Auffüllung lässt sich sehr schön anhand der Schichtenverzeichnisse einzelner Bohrungen nachvollziehen, die in der Landesbohrdatenbank von Sachsen-Anhalt zu finden sind.

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12 Antworten zu “Kartenmaterial zum Unglück von Nachterstedt”

  1. effjot sagt:

    Danke für die Blumen, und das ich ein eigenes Tag wert bin. ;-)

    Mit Deinen Überlagerungen und der genauer als bei mir wiedergegebene Abbruchkante kann man die Situation sehr gut erkennen.

    Ich habe meinen Artikel etwas ergänzt um eine aktuellere Uferlinie aus den Orthophotos vom Bundesamt für Kartographie und Geodäsie, und außerdem die Lage der beiden Pfeiler in Balaskes Diss gefunden.

  2. [...] 23.07.09 19:50: Mehr zur Geologie und Bergbaugeschichte bei GeoBerg.de und in meinem [...]

  3. [...] zum Erdrutsch Nachterstedt habe ich doch etwas Resonanz gefunden (Danke auch an Gunnar und an Lutz!), und auch bei einer Googlesuche nach „Geologie Nachterstedt“ lande ich recht weit [...]

  4. [...] (geoberg.de) hat seine Detailkarten auch entsprechend aktualisiert. Dort sind die Abbruchkante und die Grenzen des Tagebaus [...]

  5. [...] 28. Juli 2009, eine Pressemitteilung herausgegeben, die sich in Hinblick auf das Unglück von Nachterstedt der Rolle und Bedeutung der Geowissenschaften bei Katastrophenereignissen widmet. Sie macht [...]

  6. Gerhard Jost sagt:

    Der Sportzplatz und die Haldenstraße in Nachterstedt sind kein (!) Kippengelände.

  7. Vielen Dank für den Hinweis (s. Update oben).

  8. [...] Zusammenstellung geologischer Karten zum Erdrutsch Nachterstedt (die dann Lutz detailliert ergänzt [...]

  9. [...] ist der Erdrutsch am Concordiasee drei Monate her. Lutz von GeoBerg.de hatte einen Artikel geschrieben und auch ich habe zwei weitere Beiträge nachgelegt. Nach dem Wirbel der ersten Tage [...]

  10. Tim sagt:

    Ein Fakt kommt hinzu. Um auf diesen Hang eine Slipanlage zubauen, für das Fahrgastschiff “Seeperl”, wurde vor ca zwei Jahre der Seehang mit 30m langen Rütellanzen verdichtet. Danach wurden Gleisanlgen mit Slipanlage auf dem Erdrutschhange verbaut. Einige Sportsfreunde(Segler) stellt plötlich fest, meine Person auch, das ein altes senkrecht stehendes Stahlrohr(2″), im Wasser stehend, ein artesischer Brunnen bildete. Wenn man bei windstille unter Wasser auf den Uferboden des Boden sah, erkannte man aufgewirbelten Schlamm.
    Wasser drückte, mit hohen Druck, schon vor Jahren, unter den verdichteten Hang, nach oben.
    Also war der Wasserspiegel nicht eins mit den Grundwasserspiegel. Ein zulangsam Fluten des See, war auch ein grund für den Erdrutsch.

  11. 2 Jahre danach! sagt:

    Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass ca 200mm östlich 2 Brunnen gestanden haben, die ca. 2,2 mÂł/min Wasser gefördert haben. Das entspricht an einem Punkt im Tagebau etwa ca. 15% der gesamten Fördermenge, die in den Tagebauen Nachterstedt, Schadeleben und Königsaue gefördert wurden. Und dieses Wasser perlte nach der Abschrägung aus dem Kippenmaterial heraus. Mal sehen was das Gutachten jetzt ergibt welches erstellt wird.

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