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Geowissenschaftler und ihre Rolle bei Katastrophenereignissen: die DGG zu Nachterstedt

Die DGG hat gestern eine Pressemitteilung veröffentlicht, die sich mit der Rolle der Geowissenschaftler bei Katastrophenereignissen wie in Nachterstedt befasst. Obwohl ich Inhaltsdopplungen vermeiden will, stelle ich die Mitteilung auch auf hier auf geoberg.de ein, weil sie in meinen Augen gar nicht an genügend Stellen verbreitet werden kann.

Hoffen wir, dass sich der eine oder andere Journalist, den in der Mitteilung angerissenen Themen widmet und etwas in die Tiefe geht (was leider immer seltener wird…). Was mir besonders gefällt: die DGG macht deutlich, dass bei einem Unglücksfall wie in Nachterstedt vorschnelle Kommentare und Analysen seitens der Geowissenschaftler nicht seriös möglich sind. Wer den einen oder anderen Beitrag oder diverse “Experten-Interviews” in den Medien verfolgt hat, wird dem sicher in den meisten Fällen zustimmen können.

Nachfolgend die Pressemitteilung:

Verantwortung von Geowissenschaftlern hinsichtlich Stellungnahmen zu Katastrophenereignissen

Geowissenschaftler tragen eine hohe gesellschaftliche, moralische und volkswirtschaftliche Verantwortung. Dies gilt auch bei öffentlichen Stellungnahmen zur Katastrophenereignissen. Journalisten und Berichterstatter verstehen die Entscheidung von Wissenschaftlern oft nicht, keine öffentliche Stellungnahme zur Katastrophenereignissen abzugeben. Diese Entscheidung fällt Geowissenschaftlern keineswegs leicht. Zum einen verstehen sie die Sorgen der Bevölkerung und deren Recht auf Information, zum anderen können sie wegen der hohen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft keine wissenschaftlich unsichere Aussage treffen. Eine solche Aussage kann nachträglich viel mehr Unsicherheit in der Bevölkerung erzeugen und somit mehr Schaden anrichten als Nutzen.

Die Verantwortung von Geowissenschaftlern für die Gesellschaft ist vielschichtig:

  • Geowissenschaftler untersuchen den mineralischen Untergrund und das im Untergrund zirkulierende Grundwasser. Beides muss für Bauvorhaben jeder Art kalkulierbar begutachtet werden, um Schäden an Bauwerken, der Umwelt und nicht zuletzt an Menschen zu vermeiden. Für diese Zwecke werden in den Geowissenschaften Ingenieurgeologen, Hydrogeologen und Geophysiker ausgebildet.
  • Geowissenschaftler sind mit ihrer Expertise bei Bauprojekten sowohl für das Leben von Menschen als auch für Bauwerke verantwortlich. Sie kartieren und dokumentieren die z. T. sehr komplexen geologischen Zusammenhänge im Untergrund, die als Grundlage für Baumaßnahmen verwendet werden. Dabei werden Modellvorstellungen herangezogen, die durch die Heterogenität des Untergrundes nicht immer zutreffen. Es sind daher ent-sprechende Sicherheiten zu berücksichtigen, um die Unsicherheiten im Hinblick auf die Kenntnisse über den Untergrund zu minimieren.
  • Jedes geologische Ereignis hat seine ganz spezifische Vorgeschichte, d. h. die Berücksichtigung der Randbedingungen bei einer Entscheidung ist für die Bewertung der Gesamtsituation wichtig. Ohne Kenntnis dieser Entscheidungskriterien ist eine nach-trägliche Beurteilung der Situation nicht möglich.
  • Jeder geologische Untergrund ist nur lokal zu betrachten; eine Übertragung auf ähnliche Situationen ist nicht zulässig, da sich die geologischen Verhältnisse in Raum und Zeit ändern.
  • Werden Geologen, Ingenieurgeologen, Hydrogeologen und Geophysiker erst NACH einem Schadensereignis als GUTACHTER berufen, stehen sie unter einer noch größeren Verantwortung, denn dann geht es unter Umständen um großen volkswirtschaftlichen Schaden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Schadensort genauestens untersucht und der Schadensverlauf rekonstruiert werden muss, bevor eine Aussage zur möglichen Versagensmechanismen getroffen werden kann.

Nur wenn Geowissenschaftler vor einer Baumaßnahme hinzugezogen werden, können sie die notwendigen Untersuchungen zum Untergrund durchführen und ein zutreffendes geologisches und infolgedessen ein ingenieurgeologisches Modell erstellen. Der Bau des Untergrundes ist sowohl von der Genese der Gesteine als auch von der erdgeschichtlichen Entwicklung an dem betreffenden Ort abhängig. Die Entstehungsbedingungen der Gesteine und die Reihenfolge der Einzelereignisse, wie z. B. die Aufeinanderfolge verschiedenartiger tektonischer Beanspruchungen sind maßgebend für das mechanische Verhalten des Untergrundes. Auch wenn diese Vorerkundungen die Projektsumme erhöhen, kann der materielle Schaden nach dem Ereignis diese Kosten um ein Vielfaches übersteigen, der Schaden für Menschen ist teilweise nicht wieder gut zu machen.

Nur wenn im Falle eines Schadenfalles die Gesamtsituation untersucht wird und bei der Untersuchung alle Regeln der Wissenschaft eingehalten werden, lässt sich möglicherweise eine Aussage zu Ursachen des Schadens treffen. Eine Spekulation darüber ohne Kenntnis der Situation vor Ort wäre eine Mutmaßung und in keiner Weise der Sache dienlich.

Die DGG verfügt in ihren Fachsektionen und Arbeitskreisen über Experten der verschiedenen geowissenschaftlichen Fachrichtungen – siehe www.DGG.de, „Wir über uns“, Fachsektionen und Arbeitskreise.

  • Prof. Dr. Stefan Wohnlich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften (DGG)
  • Prof. Dr. Rafig Azzam, Vorsitzender der Fachsektion Ingenieurgeologie der DGG + DGGT
  • Prof. Dr. Ingo Sass, Fachsektion Hydrogeologie der DGG
  • Dr. Jochen Rascher und Dr. Katrin Kleeberg, Arbeitskreis Bergbaufolgen in der DGG

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