Von Christoph Lenz
Seit dem Erscheinen in Deutschland im Februar 2004 hält sich Alan Cutlers jüngstes Werk “Die Muschel auf dem Berg. Über Nicolaus Steno und die Anfänge der Geologie” schon über Monate in den Top10 der deutschen populärwissenschaftlichen Bestseller (Stand: September 2004). Auch in seinem Heimatland den USA überzeugte Cutler mit der lebendigen Widerauferstehung des dänischen Anatom und Begründer der Geologie Nicolaus Steno (1638-1686).
Dem Autor, dessen Artikel und Publikationen auch in der Washington Post, sowie in The Science abgedruckt werden, ist nicht nur die Darstellung des unermüdlichen Naturforschers Steno, nein auch eine detailgetreue Portraitierung der Verhältnisse im 17. Jahrhundert gelungen. Aus dieser Zeit stammen die Ideen, die unser heutiges Weltbild vom Alter und der Entstehung der Erde prägen.
Alan Cutler, selbst renommierter Geologe und Paläontologe, sind diese Ideen nicht fremd; er hat sie studiert. Mit diesem Buch macht er einen Sprung zurück zu den Anfängen der Geologie.
Cutler beginnt sein Buch mit einem kleinen Exkurs nach Florenz/Italien, dort wo in der Kirche San Lorenzo neben den großen Werken von Donatello, Brunelleschi und Michelangelo auch ein kleiner Sarkophag unscheinbar in einer Nebenkapelle verweilt. Hier wurde er zu Grabe getragen, der Mann der heute als Begründer der allgemeinen Geologie gilt.
Die Ideen der Renaissance wurden langsam abgelegt und von denen der Aufklärung abgelöst. In diesem Zwischenraum in der Mitte des 17. Jahrhunderts betritt ein Mann die Bühne, der seinem Einfluss nach durchaus mit Galilei mithalten kann, heute aber schon fast in Vergessenheit geraten ist. An der Accademia del Cimento am Hofe der Medici war der junge Anatom Nicolaus Stenonis für seine überaus gute Beobachtungsgabe und Handfertigkeit mit dem Skapell bekannt. Sein Ruhm ging über Italiens Grenzen weit hinaus. Auch in Paris/Frankreich und Leiden/Niederlande, den Zentren für damalige, zeitgenössische Gelehrsamkeit überhaupt, mochte man von dem brillanten Wissenschaftler und seinen neuartigen anatomischen Erkenntnissen reden. Als dem guten Steno aber ein sensationeller Fang eines Haifischkopfes unter das Seziermesser kam, wurden die Weichen für seine späteren Theorien gelegt. Die Haifischzähne sahen den damals unter dem Namen Zungensteine bekannten Fossilien sehr ähnlich. Lange Zeit befasste sich der gute Beobachter mit seinem neuen Hobby. Oft ging er vor allem in der italienischen Toskana auf Zungenstein-Suche. Die Entstehung dieser Steine war ein ungeklärtes Rätsel an dessen Lösung Steno eifrig arbeitete. Viele Wissenschaftler und Theologen machten sich daran, dieses Phänomen zu erklären. Waren die Zungensteine durch die Sintflut in die Berge gespült? Dies erklärte jedoch nicht warum sie direkt im Gestein eingeschlossen waren. Eine andere auch von der röm. Kirche unterstützten These war die Spontanerzeugung im Gestein selber, so wie man es auch bei der Herkunft von Fliegen aus Verwesungsprozessen annahm. Steno aber lies sich nicht mit einer so lapidaren unbeweisbaren Antwort abfertigen. War ihm doch die Notwendigkeit eines schlüssigen Beweises in der Naturwissenschaft durch seinem großen Idol Galilei bekannt. Steno stellte erstmals die gewagte These auf, dass die Haifischzähne aus der gleichen Zeit, in der auch die Gesteine und die Berge selbst entstanden sind, stammen könnten. Diese Annahme setzte aber voraus, dass auch das feste Land eine Geschichte habe und veränderlich ist; eine bis dato unvorstellbare Begebenheit. Der biblische Schöpfungsbericht weist doch eindeutig auf eine Schöpfung der Welt durch Gott hin, eine selbst von Wissenschaftlern der damaligen Zeit unangefochtene Feststellung. Steno jedoch las in den unterschiedlichsten Gesteinsschichten wie in einem Geschichtsbuch der Erde und erkannte, dass die Schichten durchaus eine zeitliche Abfolge bilden. Aber auch Steno wollte sich nicht dem von der katholischen Kirche postulierten und stark verteidigten Schöpfungsbericht widersetzen, zumal er doch großen Respekt vor der Gelehrsamkeit katholischer Theologen hatte. Er fand sogar so sehr Gefallen an der Theologie, dass er sich autodidaktisch theologisches Wissen aneignete und sogar zum Bischof ernannt wurde. Seine letzten Jahre verbrachte Steno vor allem im protestantischen Norddeutschland, wo er den Auftrag hatte die wenigen noch katholischen Gemeinden zu unterstützen. Hier verlaufen sich seine Spuren.
Mit dem von ihm hinterlassenen Werk DeSolido setzte Nicolaus Steno Denkmaßstäbe seiner Zeit. Am Rande sei bemerkt, dass es sich bei Stenos Publikation nur um eine Einführung in die neuen Ideen handelte; Einzelheiten und Beweise sollten in einem Hauptwerk folgen. Dieses jedoch wurde nie veröffentlicht; das Skript gilt als verschollen.
Cutler erzählt die Lebensgeschichte Stenos, der 1988 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen wurde, wissenschaftlich distanziert, geschichtlich korrekt und zugleich lebensnah. Nicht zuletzt durch den Einsatz geschichtlicher Anekdoten verschiedener Quellen vor jedem Kapitel versteht der Autor eine theologisch-philosophische Sphäre in die Rahmenhandlung einzubauen, die jener des 17. Jahrhunderts nahe kommt und von einer Zeit des Umbruchs erzählt. Eine erfrischende Lektüre für jedermann, der sich wissenschaftlich als auch geschichtlich weiterbilden will.
Zum Autor
Alan Cutler ist ein angesehener Paläontologe und Geologe.
Zum Buch
Autor Alan Cutler
Seiten 256
Verlag Albrecht Knaus Verlag
Erschienen Februar 2004
Auflage 1.ISBN 3813501884
Preis 19,90 EUR
(Dieser Text ist am 01.01.2006 auf der alten Version von geoberg.de erschienen und wurde übernommen.)
Tags: Alan Cutler, Berg, Bestseller, Buch, Geologie, Muschel, Nicolaus Steno, Sedimentologie/Paläontologie