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Die Wiege der Armut

Von Stefan Höntzsch

Im Zuge verschiedener geologischer sowie geoökologischer Fragestellungen verschlug es 17 Studenten und Dozenten der TU Bergakademie Freiberg unter der Leitung von Prof. Dr. Richard Gloaguen in der Zeit vom 20.09. bis 11.10./18.10.2004 nach Äthiopien. Die dort verfolgten Arbeiten gingen vor allem auf die Aktivität des Afrikanischen Grabenbruchs zurück, in welchem sich auch die sogenannte “Wiege der Menschheit” befindet.
Die wissenschaftlichen Tätigkeiten konnten allerdings nicht von den beängstigenden Zuständen im Land am Horn von Afrika ablenken.

“Faranjis, Faranjis!” – Worte die wir in 4 Wochen Äthiopien mehrmals täglich vernommen haben. “Faranji” ist Amharisch, die Landessprache der Äthiopier und meint uns – die Weißen, die Anderen, das Geld. Man fühlt sich wie ein schwarzes Schaf unter einer Herde von weißen Artgenossen; man steigt aus dem Bus und ist sofort von einer Menschentraube, meist Kinder mit zerrissenen und schmutzigen Kleidern umringt, die kaum ihren eigenen Namen schreiben können, aber mit offener Hand und großen Augen die fremden weißen Männer und Frauen um eine Gabe bitten. “Hey you! Give money!”. Was anfangs wie eine Szene aus einem schlechten amerikanischen Film wirkte, wurde bald zur Routine und für einige von uns auch zur Last. Was tun? Die meisten unserer Gruppe sind selber nur Studenten und wissen, was es bedeutet, mit 400 Euro im Monat um die Runden zu kommen. 400 Euro im Monat? Was für unsereins gerade mal für 30 Tage reicht, genügt dem durchschnittlichen Äthiopier für mehr als ein Jahr. Ein Jahr überleben. Wir waren also reiche Leute in einem Land, dessen Gegensätze nicht hätten größer sein können.

Bewohner eines kleinen Dorfes nahe Nazret

Bewohner eines kleinen Dorfes nahe Nazret

Ankunft in Addis Abeba, Hauptstadt eines der bevölkerungsreichsten Staaten Afrikas um Mitternacht. Es ist angenehm mild, was schnell vergessen lässt, dass wir uns auf einer Höhe von knapp 2500m über dem Meeresspiegel befinden. Der Flughafen, vor wenigen Jahren neu errichtet, ist das erste was wir von Äthiopien zu Gesicht bekommen. Ein Koloss aus Beton und Glas, hell beleuchtet, Menschen, Hektik, Lärm. Ist das die “Wiege der Menschheit” wie Äthiopien in Geographie- und Geschichtsbüchern immer genannt wird? Wenige Minuten später werden wir eines Bessern belehrt. Ein alter Lada fährt uns quer durch die Stadt, die übersetzt “schöne Blume” heißt, zu unserer Unterkunft. Die Straßen scheinen menschenleer, es ist schmutzig, kaum Straßenbeleuchtung. Ab und zu erkennt man obdachlose Menschen – mitten auf der Strasse liegend, eingehüllt in Lumpen oder ziellos umherstreifend. Niemand von uns sagt etwas, gespenstiges Schweigen. Bilder sagen hier mehr als Worte. Unser Ziel: Taitu Hotel; Äthiopiens ältestes Hotel ist eines der besseren Adressen und auch für unseren Geldbeutel bezahlbar. Weniger geht immer. In Nazret, zirka 100 Kilometer südlich von Addis, kann man, ist einem fließendes Wasser nicht so wichtig, auch für 15 Birr (ca. 1,50 Euro) nächtigen – Haustiere, wie Geckos und Spinnen inklusive.

Kinder nahe Welenchiti

Kinder nahe Welenchiti

Es ist alles ein bisschen anders hier – das wird uns sehr schnell bewusst. Die Menschen sind trotz der erschreckenden Armut ungeheuer freundlich. “Faranjis” sind die Guten; sie bringen Geld ins Land und helfen den Menschen in ihrer Not; das jedenfalls erzählen die Medien. Ist es aber die Wahrheit? Ab und zu sehen wir einen Geländewagen der UNO, in manche Orten Tafeln mit Aufschriften wie “Diese Schule wurde durch die Gelder der Vereinigten Staaten von Amerika errichtet”. Geld. Immer nur Geld.
Äthiopien ist ein Land mit über 80 Sprachen und ebenso vielen verschiedenen Stämmen und Völkern, die teilweise als Nomaden durch die Savanne ziehen. Hilft man den Einen, fühlen sich Andere benachteiligt – Konflikte sind vorprogrammiert. Wie aber helfen? Auch uns geht diese Frage durch den Kopf. Aspirin für Krankenhäuser zu kaufen, einem bettelnden Kind ein halbes Brot zu geben oder alte Sachen, die wir in Deutschland sowieso nur noch zum Arbeiten anziehen werden, den Leuten in den Dörfern zur Verfügung zu stellen, sind da nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, der uns das ruhige Gewissen vermittelt etwas getan zu haben. Etwas tun. Uns wurde klar, dass es die kleinen Dinge im Leben sind, die den Menschen hier Freude bereiten. Um unsere leeren Wasserflaschen haben sich besonders die Kinder gerissen und machte man ein digitales Fotos von den Leuten und zeigte es ihnen anschließend, brach schallendes Gelächter aus.

Typisches Dorf nahe Doni am Awash River

Typisches Dorf nahe Doni am Awash River

Viele werden sagen, es sei einfach, als Mitteleuropäer in ein armes Land, das ärmste Land der Welt, zu reisen und diesen Leuten einen Gefallen zu tun. Die gewisse Arroganz des besseren Menschen im Gepäck und neben einem Stück Brot und ein paar Cents ein paar gute Ratschläge für die Zukunft. Aber so einfach ist es nicht. In einem kleinen Dorf nahe Nazret traf ich einen Jungen, vielleicht 16 Jahre alt, mit dem Namen Regase. Wir unterhielten uns eine Weile als er meinte, er gehe jeden Tag 3 Stunden zur Schule und wieder zurück in sein Dorf…für 2 Stunden Unterricht. Er fragte mich was er tun solle, um das zu werden, was er gerne will, um aus der Armut auszubrechen, etwas besseres zu werden. Ich überlegte kurz und schwieg.
Alles schlecht? Nein, ganz und gar nicht. Wenn die Armut in den Städten fast schon bedrückend wirkt, ist sie auf dem Land kaum mehr spürbar. Nur selten sieht man Obdachlose oder Bettler. Geld spielt hier nicht die Rolle, wie in Addis oder Nazret, was sich auch im Charakter der Bevölkerung wiederzuspiegeln scheint. Auf unserem Weg durch die Savanne begleiten uns nahezu täglich Erwachsene und Kinder. Sie fragen uns nicht nach Geld, sie sind interessiert – an uns, an unserer Arbeit und an dem was wir mit uns führen. Wir verstehen uns nicht, denn wir sprechen nicht die gleiche Sprache aber trotzdem schlägt uns, wo wir auch hinkommen eine Liebenswürdigkeit der Menschen entgegen, wie wir sie noch nie zuvor erlebt haben. Keine Spur von Aggressivität oder ähnlichem.
Äthiopien ist ein Land das mit Diktaturen, Hungersnöten und Bürgerkriegen viele Schattenseiten erleben musste. Resigniert scheinen die Menschen jedoch nie zu haben, soviel steht fest.

Abendstimmung im Main Ethiopian Rift

Abendstimmung im Main Ethiopian Rift

Länderinfo – Äthiopien (in Klammern zum Vergleich Deutschland):
Äthiopien ist bei einer Fläche von 1.127.127 km2 (357.021 km2) mit rund 67.000.000 Einwohner (82.398.400) eines der bevölkerungsreichsten Länder Afrikas. Das Durchschnittsalter der Menschen beträgt 17,3 (41,3) Jahre bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 40 (76) Jahren bei Männern und 42 (82) Jahren bei Frauen. Es stehen den Menschen nur rund 3.380 (306.000) Ärzte zur Verfügung. Die Analphabetenquote der über 14-Jährigen liegt bei 57,3 (0) %. Das BIP pro Kopf beträgt 131 (25.616) $US, bei einer Arbeitslosigkeit von rund 49 (~10) %. Pro 1000 Einwohner besitzt einer (523,41) ein Auto, 10 (623,8) einen Fernseher und 5 (665,06) ein Telefon. Die häufigsten Todesursachen sind Tuberkulose, AIDS (in Nazret ist bei geschätzten 500.000 Einwohnern jeder 5. HIV-positiv) und Malaria (Deutschland: Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs)

(Quelle: www.welt-in-zahlen.de)

Alle Fakten zu den wissenschaftlichen Aufgabenstellungen und viele weitere Fotos auf unserer
Website (keine Haftung für die ständige Funktion des Links!)

(Dieser Text ist am 01.01.2006 auf der alten Version von geoberg.de erschienen und wurde übernommen.)

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