Einleitung
Der ehemalige Steine-und-Erden-Betrieb Hartsteinwerk Werdenfels befand sich an der Lokalität Langer Köchel (717,4 Meter ü.N.N.), ein ca. 90 Meter über die Ebenheit des Murnau-Eschenloher Mooses (630 Meter ü.N.N.) ragender morphologischer Härtling, der einen Teil des Ammer-Loisach-Hügelland genannten Naturraumes bildet. An der inzwischen abgebauten Südflanke des WSW-ENE streichenden Langen Köchels – dessen höchster Punkt mit 751 Meter ü.N.N. in seinem westlichen Teil lag – sind vom Jahr 1930 bis Ende des Jahres 2000 rund 24 Millionen Tonnen Naturstein (Handelsbezeichnung Glaukoquarzit) zur Herstellung von Sanden, Edelsplitten, Gleis- und Strassenschottern sowie Wasser-, Mauer- und Gartensteinen gewonnen worden (KUISLE 2000, SCHARL 2000, SCHARL 2000a). Vor Ort entstand inmitten des Naturschutzgebietes Murnau-Eschenloher Moos ein 1,1 km langer und bis zu 130 Meter hoher, künstlicher Aufschluß, der maximal 40 Meter unter das regionale Geländeniveau reichte.
Die dort aufgeschlossenen Formationen aus der Kreidezeit (Barrême – Alb) werden dem Helvetikum am Alpennordrand zugeordnet, das zwischen dem Flysch im Süden und der Faltenmolasse im Norden tektonisch eingeschuppt ist. Die Formationen entstammen einer Schelfsenke am nördlichen Rand des Tethysmeeres. Die Einheiten beginnen nach Literaturdaten mit dunkelgrau-schwarzen Mergeln der Drusbergformation. Darüber folgen die hellgrauen, knollig ausgebildeten Schrattenkalke. Diese werden überlagert von dunkelgraugrünen bis olivfarbenen, meist grobkörnigen, glaukonitführenden, circa 140 Meter mächtigen und sehr harten Quarzsandsteinen (Selun-Member der Garschella-Formation), die abgebaut wurden. Hangend folgen bunte Mergel- und hellgrau-weisse Kalksteine. Der übergeordnete tektonische Bau entspricht einem nordvergenten Sattel mit Kern aus Drusbergschichten. Nähere Ausführungen finden sich in ENGELBRECHT (2003). Weitere eigene Untersuchungen zum geologischen Bau des Langen Köchels sind im Gange und werden demnächst publiziert. Wegen seinen besonderen Eigenschaften als glazial entstandener Rundhöcker und bedeutendster Aufschluß der im Bayerischen Voralpenland selten ausstreichenden helvetischen Kreide ist dem Langen Köchel der Status eines unbedingt schutzwürdigen Geotops vom Typus Härtling und Schichtfolge zugesprochen worden (LAGALLY et al. 1994).
Im folgenden wird – in Zusammenhang mit der Firmengeschichte des Hartsteinwerkes Werdenfels – die Bergbau- und Naturschutzgeschichte am Langen Köchel als Beispiel für die Historie eines Interessenkonfliktes zwischen den Antipoden Ökonomie und Ökologie ausgeführt.
Ökonomie: Bergbau am Langen Köchel
Ära Peisl-Tilger (1927-1934)
Die Eintragung des Schotter und Splitte produzierenden Betriebes ins Handelsregister erfolgte im Jahr 1927. Eigner der GmbH waren der Neubeuerner Gütermakler und Oberbauführer August Peisl sowie der Weilheimer Landwirt Georg Tilger. Sie kauften am Langen Köchel Grundstücke auf, unter denen für Tiefbau geeignete und in Bayern sehr selten vorkommende Hartgesteine aus der Kreidezeit lagerten. Der Standort des Betriebes – genannt Hartsteinwerk Werdenfels – befand sich im zentral-westlichen Teil des Murnau-Eschenloher Mooses an der nach Süden gerichteten Flanke eines eiszeitlich geformten Rundhöckers, der die regionale 630 Meter – Geländebasis um 120 Meter überragte. Die positiven ökonomischen Prognosen sowie das Interesse von Investoren und Rohstoffabnehmern gründeten auf der insularen Stellung der Firma: wegen des im weiten Umkreis konkurrenzlosen Hartgesteinvorkommens – abgesehen von einem 3 Kilometer ostnordöstlich gelegenen kleinen Steinbruch am Moosberg – konnte das Hartsteinwerk Werdenfels in ganz Südbayern am preisgünstigsten Schotter und Splitte liefern.
Nach Erschließung des Naturstein-Vorkommens und Fertigstellung der Anlagen begann der Betrieb im August 1930 mit der Produktion des Hartgesteins (Handelsname Glaukoquarzit). Einer der Hauptabnehmer dieses Rohstoffs war die Deutsche Reichsbahn. Das Produkt wurde im Einzelsprengverfahren gewonnen: an den steil nach Süden geneigten, einige zehner Meter hoch aufragenden Gesteinsschichten setzten auf der gesamten Wandhöhe Bergarbeiter Sprenglochreihen: dazu mussten sie, auf mehreren am Fels fixierten und in Etagen übereinander gereihten Brettern stehend, mittels schwerer Presslufthämmer circa 100 Bohrlöcher zu je vier bis sechs Metern Tiefe erzeugen; sie wurden mit Dynamit verfüllt und die Öffnungen mit Lehm aus dem Moor oder einer Kombination aus Bohrschlamm und Sägemehl plombiert. Dann erfolgte die Sprengung des präparierten Wandstreifens. Circa 200 Steinschläger schaufelten anschließend das an der Bruchsohle liegende Haufwerk im Akkord in Loren, die sie auf Schienen zur weiteren Verarbeitung in die Brecherei schoben. Überdimensionierte Gesteinsblöcke mußten vor der Verladung mit Eisen und Schlägel zerkleinert oder nochmals gesprengt werden. Die Brecherei bestand aus zwei Vor- und einem Nachbrecher der Firma Krupp-Gruson aus Magdeburg. Um die Abraummengen möglichst gering zu halten, erzeugte man aus den Kleinfraktionen mittels Hydrocone-Feinsteinbrechern der Firma GHH Edelsplitt in weitgehend kubischer Kornform. Von der nachgeschalteten Siebmaschine der Firma Krupp-Gruson gelangte das größenklassierte Material in betonierte Silos. In der Beladestation rutschen die Gesteinsfraktionen aus den Silos über Öffnungen – sogenannte Schurren – in die leeren Hängewagen einer von der Leipziger Firma Curt Rudolph gebauten Zweiseil-Umlaufbahn, mittels der der Rohstoff in südöstlicher Richtung über die Ebenheit des Mooses zum 4,1 Kilometer entfernten Silo an der Entladestation am Güterbahnhof Eschenlohe transportiert wurde. Die Materialseilbahn war anfänglich mit 100 Hängewagen zu je 1 Tonne Fassungsvermögen, 19 Stützpfeilern und einem 55 PS Motor ausgestattet. Die maximale Förderleistung belief sich auf 90 Tonnen pro Stunde. Die Elektrizität stammte damals vom 19 Kilometer ostsüdöstlich gelegenen Walchenseekraftwerk, das der Ingenieur Oskar von Miller in den Jahren 1918-1924 erbaut hatte.
Die Existenzjahre des Hartsteinwerkes Werdenfels von 1927-1933 waren gekennzeichnet durch finanzielle Krisen, organisatorische Fehler, aufwändige Abraumarbeiten, schlechte Absatzzahlen, steigende Lohn- und sinkende Tonnagepreise sowie technische Probleme.
Ära Rousselle (1934-1947)
Nach Übernahme des Steine- und Erden-Betriebes im Jahre 1934 durch die Süddeutschen Basaltwerke Immendingen gelang es dem neuen Management, den Absatz zu steigern und die Situation zu konsolidieren. Trotz planwirtschaftlicher Beschränkungen, Arbeitskräftemangel und zentralistischer Rohstoffkontingentierung konnte der damalige Geschäftsleiter Udo Rousselle dringend notwendige Rationalisierungen und Modernisierungen durchsetzen: als erstes verbesserte er die Gesteinsgewinnungstechnik: da wegen vorrückender Abbaufront die Felswände immer höher wurden und die Arbeit vor Ort deshalb sehr gefährlich war, veranlasste er, den Berg von oben her abzutragen. Damit war der Übergang in einen geotechnisch sichereren Etagenbau vollzogen. Ab 1939 kamen neben einer Feinsplittanlage und einem weiteren Großbrecher elektrisch betriebene Löffelbagger der Firma Orenstein und Koppel zum Einsatz; diese in Deutschland damals neuesten Bergbaugeräte ersetzten die Steinschläger. Die Funktion der Loren übernahmen Holzgas-Laster. Mit diesen Neuerungen avancierte das Hartsteinwerk Werdenfels zu einem der modernsten Steine- und Erden-Betriebe, in dem leider auch Fremd- und Zwangsarbeiter frönen mussten. Nach Großaufträgen der Deutschen Reichsbahn erreichte der als “heereswichtig” eingestufte Betrieb in den Jahren 1941/42 seine höchste Absatzzahl von circa 750.000 Tonnen. Obwohl dem Hartsteinwerk Werdenfels im Jahre 1945 von einer amerikanischen Spruchkammer “lebenswichtige Bedeutung” zugesichert wurde und der Betrieb deshalb weiter existieren durfte, warfen ihn Auftragsrückgänge sowie fehlende Finanz-, Personal- und Produktionsmittel bei Kriegsende und in den ersten Nachkriegsjahren in eine schwere Existenzkrise.
Ära Späth-Gehrmann (1947-1981)
Im Jahre 1947 übernahmen deshalb die solventen Gesellschafter Gebr. Späth und Gehrmann das in eine OHG umgewandelte Unternehmen. Im selben Jahr noch ersetzten die technischen Leiter die aufwändige Wandsprengung durch das Kammersprengverfahren: dabei wurde an den Endpunkten bergmännisch gegrabener Stollen, in sogenannten Kammern, Sprengstoff im Fels gezündet. Zur Erzeugung von 100.000 Tonnen Haufwerk waren 12,7 Tonnen Dynamit notwendig. Wichtigste Aufgabe war vor allem, die durch Kriegswirtschaft heruntergekommenen Betriebsanlagen zu sanieren. Im Jahre 1948 installierte man vier neue Backenbrecher der Firma Gute Hoffnungshütte aus Oberhausen (Ruhrgebiet). 1952 fand die Einweihung des neuen Steinbaus der Werkskantine statt. Wegen der 1960 gesetzlich verabschiedeten Bereitstellung öffentlicher Gelder für den Straßenbau konnte das Hartsteinwerk Werdenfels seine Absätze auf hohem Niveau halten. 1961 wurden zwei Menck Dieselbagger angeschafft. Anstelle der betagten Holzgas-Laster kam 1964 eine Diesel-Lastkraftwagenflotte zum Einsatz. Ein neuer Großkunde wurde im Jahre 1967 die Stadt München, die für das S- und U-Bahnprojekt große Mengen an Gleisschottern zu ordern begann. Die Produktionskosten stiegen, als 1972 der Gesteinsabbau in die Tiefe ging und deshalb u. a. permanente Wasserhaltungsmaßnahmen notwendig wurden. Im selben Jahr machten Großbohrlochgeräte die Mineur-Arbeit für Kammersprengungen überflüssig. 1973 investierte die Betriebsleitung in den Seilbahn-Antrieb: mit dem neuen 75-KW-Motor konnte die maximale Stundenleistung um 25 Prozent auf 120 Tonnen gesteigert werden. In der Aufbereitungsanlage wurden im Jahr 1977 die Backenbrecher durch leistungsfähigere Kreiselbrecher ersetzt. Trotz allem hielt die Firma mit dem generellen Modernisierungsschub in der Bergbausparte nicht schritt. Versäumte Investitionen, Führungsschwäche und Finanzmißmanagement hatten zur Folge, dass der Betrieb mit seinen großteils veralteten Anlagen veräussert werden musste.
Ära HOCHTIEF (1981-2000)
Im Jahr 1981 erwarb der Essener HOCHTIEF-Konzern das Hartsteinwerk Werdenfels. Die neue Konzerntochter nannte sich Hartsteinwerk Werdenfels, HOCHTIEF-Steinverarbeitungsbetrieb. Als erste Rationalisierungsmaßnahmen ersetzte man die Elektrobagger durch große Radlader und die Dieselflotte durch 30 Tonnen Schwerlastkraftwagen. Die Automatisierung der bisher manuell bedienten Be- und Entladestationen der Materialseilbahn bedeutete einen weiteren Fortschritt. Einsparmöglichkeiten bot auch eine verbesserte Sprengtechnik, mit der nur mehr 9 Tonnen Sprengstoff zur Erzeugung von 100.000 Tonnen Haufwerk nötig waren. Die gesundheitsgefährdende Staubfreisetzung bei der Produktion wurde minimiert, indem man die von Rousselle schon 1935 eingeleitete technische Besserung, das Gestein naß zu brechen, endlich zur Reife brachte. Neue Geschäftsideen kamen zur Geltung: z. B. die Gewinnung großformatiger Wasserbausteine und das Recyceln schadstoffbelasteten Wintersplitts. Weil der Naturstein Glaukoquarzit die gesteinsphysikalischen Normen für Hochgeschwindigkeitstrassen der Bahn nur mehr teilweise erfüllte, rückte die Edelsplittproduktion immer mehr in den Vordergrund. In den letzten Betriebsjahren erreichte man mit 40 Metern unter regionaler Geländebasis die tiefste Abbausohle, welche auf fast der gesamten Länge des Steinbruchs (1,1 Kilometer in Ost-West Richtung) erschlossen wurde. Allerdings betrug wegen tektonischer Gegebenheiten und der Geometrie des Etagenbaus die Breite der tiefsten Sohle nicht mehr als 50 Meter. Die Expansion des Gesteinsabbaus nach Norden, Nordwesten und Osten war gerichtlich untersagt worden (s. u.); eine Erweiterung der Abbaufront nach Süden wegen der dort postierten Produktionsanlagen, Schlammteiche und Halden blockiert. Die Fortführung des Tiefbaus erschien aus Platzgründen nicht mehr sinnvoll: Berechnungen zeigten, dass die Breite einer weiteren Etage auf 60 Meter unter der regionalen Geländebasis nur mehr maximal 25 Meter betragen hätte. Deshalb erfolgte im Jahre 1996 der Verkauf des Geländes an den Landkreis Garmisch-Partenkirchen und vier Jahre später die Betriebsauflassung.
Ökologie: Naturschutz am Langen Köchel
Die Anfänge
Gegen die punktuelle Industrialisierung in einem vorwiegend auf Agronomie, Kleingewerbe und Fremdenverkehr spezialisierten Land erhob sich sehr früh der Widerstand des Naturschutzbundes, der vor allem die ästhetische Degradierung, aber auch die ökologische Belastung des voralpinen Naturraumes Murnauer Moos beklagte. Einer der ersten, der 1929 behördlich Einspruch gegen den Naturstein-Abbau am Langen Köchel erhob, war Pfarrer Demleitner von der nahe gelegenen Gemeinde Eschenlohe. Seine Eingabe hatte aber, wohl wegen der verlockenden Aussichten auf lokale wirtschaftliche Belebung und neue Langzeitbeschäftigungsstellen, keinen Erfolg: ökonomische Belange waren in dieser Zeit hoher Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Depression dem Naturschutz und der Ökologie vorrangig.
Die Kooperationsphase
Die Beziehung zwischen Werksvertretung und aufkeimender Naturschutzbewegung gestaltete sich in der Ära Rousselle kooperativ: Der Generaldirektor kam den Wünschen der Ökologen stets entgegen: z. B. veranlasste er die Reinigung von Prozesswässern, Renaturierungsmaßnahmen im Moos, Verpflanzung gefährdeter Arten und die Anlage einer Pflanzensamen-Sammlung.
Eine behördliche Anordnung, die den Betrieb in seiner Existenz bedrohte, läutete das Ende der Kooperationsphase ein: Der von den Vertretern der lokalen Naturschutzorganisationen, Herr Prof. Max Dingler und Frau Dr. Ingeborg Haeckel initiierte und am 2.8.1940 erteilte Regierungserlaß zur einstweiligen Sicherstellung des Naturschutzgebietes Murnauer Moos schränkte die Expansionsmöglichkeiten des Abbaufeldes empfindlich ein. Hierbei kam vor allem die behördliche Landschaftsplanung zur Geltung: um die Ästhetik des Alpenpanorama-Blickes nach Süden und somit eine Hauptkomponente der touristischen Attraktivität des Werdenfelser Landes nicht zu schmälern, musste die Nordflanke des Langen Köchels unbedingt naturbelassen bleiben.
Konfrontationsphase und Ausklang
In der Ära Späth wandelte sich die Kooperation zwischen dem Hartsteinwerk Werdenfels und den Naturschützern zur Konfrontation: Dem Einspruch des Werks gegen die am 20.1.1949 landratsamtlich untersagte Abbauerweiterung und die einstweilige Sicherstellung des Langen Köchels als Naturschutzgebiet wurde stattgegeben. 1951 erging die endgültige Genehmigung zur Expansion des Abbaufeldes bis an den Westrand der Südflanke. In den sechziger Jahren starteten die Werksvertreter neue Verhandlungen, um weitere Abbaurechte im westlichen Teil der Nordflanke (Bärnsteig) zur Ressourcensicherung zu erhalten. Zeitgleich (1953, 1955/56) ergingen von den immer mehr an Einfluß gewinnenden lokalen Naturschutzbewegungen und -behörden Maßnahmen wie Bekanntgaben in Amtsblättern und öffentliche Anhörungen, um den offiziellen Naturschutzstatus für das Murnau-Eschenloher Moos durchzusetzen und damit alle weiteren seitlichen Expansionsmöglichkeiten des Gesteinsabbaus am Langen Köchel endgültig zu verhindern. Der bekannteste Vertreter der Naturschützer, Prof. Dr. Max Dingler, prangerte 1960 die Bedrohung des Mooses durch den optisch wahrnehmbaren Landschaftsverbrauch an; er wies diesem Ökosystem eine Schutzwürdigkeit nach wirtschaftswichtigen, ethischen und wissenschaftlichen Belangen zu. 1964 konnten die Naturschützer einen Teilerfolg verbuchen, als das Murnau-Eschenloher Moos den Status eines Landschaftsschutzgebietes erhielt. Ausgeschlossen davon war allerdings der Bärnsteig, der damit behördlich zum Gesteinsabbau freigegeben war. Als aber erst 15 Jahre später – im Jahre 1979 – mit der Erschließung des dortigen Abbaufeldes begonnen wurde, ordneten Forst- und Landratsamt eine sofortige Einstellung der Rodung an. Die abbaurechtliche Situation blieb dort weiterhin unklar, als am 21.2.1980 das Murnau-Eschenloher Moos – wiederum mit Ausnahme des Bärnsteig, der nun als eines der Randgebiete des Murnau-Eschenloher Mooses definiert wurde – den Rechtsstatus eines Naturschutzgebietes zugesprochen bekam. Mit der vom Landratsamt am 10.8.84 ergangenen Sicherstellung der Randbereiche des Murnau-Eschenloher Mooses als Landschaftsbestandteile war der am Bärnsteig vorgesehene Gesteinsabbau behördlich abgewiesen worden. Die Klage des Hartsteinwerkes Werdenfels auf Rodungs- und Abbaugenehmigung wurde in erster Instanz am 3.12.91 gerichtlich abgewiesen. Ein Berufungsverfahren bestätigte drei Jahre später dieses Urteil.
Da nach gesicherten Prognosen der nur mehr an der Südflanke mögliche Abbau innerhalb weniger Jahre unrentabel sein würde, veräusserte das Hartsteinwerk Werdenfels den größten Teil seines Geländes am Langen Köchel an den Landkreis Garmisch-Partenkirchen und stellte Ende des Jahres 2000 den Betrieb dort ein. Im darauffolgenden Jahr fand der vertraglich festgelegte Rückbau der aufgelassenen Betriebsanlagen statt. Diese Maßnahme betraf auch die Werkskantine. Eine vom 1999 gegründeten Aktionskreis Hartsteinwerk Werdenfels vorgeschlagene Folgenutzung dieser Einrichtung als interdisziplinäre (geologisch-glaziologisch-biologisch-pedologisch-ökologische) Forschungs-, Begegnungs-, Informations- und Tagungsstätte am authentischen Ort wurde von den Behörden und dem Bund Naturschutz abgelehnt. Die Flutung des Tagebaurestloches begann Anfang des Jahres 2002.
Fazit
Nach Einstellung des Bergbaus am Langen Köchel im Jahr 2000 sind dort innerhalb von 70 Betriebsjahren ein Drittel des Berg-Volumens (einschließlich seines Gipfelbereichs) – entsprechend 9 Millionen Kubikmeter Hartgestein – abgetragen worden. Die Gesamtmasse an produziertem Naturstein (Glaukoquarzit) betrug 24 Millionen Tonnen; sie ist einem Gesteinswürfel von 208 Metern Kantenlänge äquivalent. Die Gesamtmasse an verbrauchtem Sprengstoff belief sich auf circa 2,6 Kilotonnen.
Irreversible Schäden im Naturschutzgebiet Murnau-Eschenloher Moos entstanden durch:
- die Schadstoff- und Schallemissionen bei den Sprengungen und der Prozessierung des Haufwerks;
- die beim Tiefbau geotechnisch erforderliche Grundwasserabsenkung;
- den Landschafts- und Flächenverbrauch während der Natursteingewinnung;
- die Anlage ungesicherter Tagebaukippen und Schlammteiche, die nach Betriebsauflassung nur teilweise wieder rückgebaut worden.
Vor allem wegen des prekären Standorts des Steinbruchs in einem geschützten Biotop wird hier der Interessenkonflikt zwischen bedürfnisorientierter Rohstoffproduktion und dem Umwelt- und Naturschutz besonders deutlich: Jahrzehntelanger Landschaftsverbrauch und Schaffung einer Bergbaufolgelandschaft sind mit der Bewahrung eines natürlichen Lebensraumes für den Menschen nicht vereinbar.
Die postindustrielle Brache am Geotop Langer Köchel bietet die Möglichkeit, sie als Lernort für Geodidaktik, Naturschutz und Umweltbildung folgezunutzen: Hier kann die erdgeschichtliche Entstehung eines natürlichen Systems vermittelt und die Tragweite der Probleme anschaulich gemacht werden, die aus seiner Manipulation erwachsen.
Literatur
ENGELBRECHT, H. (2003): Erdgeschichte und Umweltgeologie am Geotop “Langer Köchel” im Murnau-Eschenloher Moos (Oberbayern).
JORDAN, P., HEINZ, R., HEITZMANN, P., HIPP, R., IMPER, D.: Geotope – wie schützen / wie nutzen? Schriftenreihe der Deutschen Geologischen Gesellschaft, Heft 31:126-133, Hannover.
KUISLE, A. (2000): Sprengen – Brechen – Sieben. 70 Jahre Steinbruch-Technik im Hartsteinwerk Werdenfels.- In: Industrie und Natur. Zur Geschichte des Hartsteinwerkes Werdenfels im Murnauer Moos. Ausstellungskatalog, S. 97-122; Hrsg.: Schloßmuseum Murnau.
LAGALLY, U., KUBE, W., FRANK, H. (1994): Geowissenschaftlich schutzwürdige Objekte in Oberbayern. Ergebnisse einer Erstaufnahme. Erdwissenschaftliche Beiträge zum Naturschutz. 166 Seiten. Bayer. Geol. Landesamt, München.
SCHARL, I. (2000): Unternehmensgeschichte des Hartsteinwerkes Werdenfels.- In: Industrie und Natur. Zur Geschichte des Hartsteinwerkes Werdenfels im Murnauer Moos. Ausstellungskatalog, S. 25-96; Hrsg.: Schloßmuseum Murnau.
SCHARL, I. (2000a): Kooperation und Gegnerschaft – zur gemeinsamen Geschichte von Hartsteinwerk und Naturschutz am Langen Köchel.- In: Industrie und Natur. Zur Geschichte des Hartsteinwerkes Werdenfels im Murnauer Moos. Ausstellungskatalog, S. 123-132; Hrsg.: Schloßmuseum Murnau.
(Dieser Text ist am 15.09.2004 auf der alten Version von geoberg.de erschienen und wurde übernommen.)
Tags: Bergbau, Hartsteinwerk Werdenfels, Langer Köchel, Murnau-Eschenloher Moos, Naturschutz