Von Frank Teller
Geschichte der Johanngeorgenstädter Pferdegöpel
In der 1654 gegründeten Bergstadt Johanngeorgenstadt konnten zunächst die oberflächennahen Silbervorkommen noch ohne größeren Aufwand abgebaut werden. Bergbauliche Maschinen zur Wasserhaltung und Förderung kamen ab 1690 auf, wobei die Nutzung der Wasserkraft dominierte. Es entstanden jedoch auch drei Pferdegöpel.
In den Jahren 1721/22 erbauten die beiden Silbergruben Hohneujahr und Unverhofft Glück den ersten Johanngeorgenstädter Pferdegöpel. Im gemeinschaftlichen Grubenfeld der beiden Gruben befand sich der etwa 140 m tiefe Hohneujahr samt Unverhofft Glück Tagschacht. Das Zechenhaus dieses Göpels war direkt an das Göpelgebäude angebaut. Als Förderseile kamen eiserne Treibeseile (Ketten) zur Anwendung. Die Brüchigkeit des Schachtkopfes erzwang 1749 die Ausmauerung der ersten 11 Lachter (22m) der Schachtröhre, die der Neustädtler Maurermeister Christian Eroldt als Trockenmauerung ausführte. Am 5. Mai 1788 brannte dieser Pferdegöpel aus ungeklärter Ursache ab und wurde nicht wieder aufgebaut.
Dafür entstand in etwa 200m Entfernung, bei der seit 1716 bestehenden Neu Leipziger Glück Fundgrube, in den Jahren 1797/98 ein neuer Göpel – der bekannte Johanngeorgenstädter Pferdegöpel. Den Entwurf dazu lieferte der damalige Schneeberger Obereinfahrer und spätere Oberkunstmeister Carl Gottfried Baldauf. Im Dezember 1798 wurde die Förderung aus dem 140m tiefen Schacht aufgenommen. Bis zur Elektrifizierung des Bergbaus erfüllte der Pferdegöpel seine Funktion. 1917 wurde letztmals gefördert.
Der größte Pferdegöpel bei Johanngeorgenstadt wurde 1806 durch die Eisen- und Zinnerzgrube Henneberg Tiefer Erbstolln errichtet. Er stand am Zugang zum heutigen Naturschutzgebiet “Kleiner Kranichsee”. Als Förderseile dienten zwei geschmiedete Ketten. Mit dem Ende der Kontinentalsperre zur Zeit der napoleonischen Kriege setzte ein rascher Rückgang des erzgebirgischen Eisenbergbaus ein, der auch den Henneberg Tiefer Erbstolln nicht verschonte. Die kostenintensiven Maschinenanlagen mussten 1827 aufgegeben und abgebrochen werden.
Die Technik der Pferdegöpel
Aufgrund ihrer charakteristischen Form kann man Pferdegöpel in alten Darstellungen einer Bergbaulandschaft sehr gut erkennen. Ein Pferdegöpel besteht aus dem pyramiden- förmigen Göpelstuhl und dem daran angebauten Treibehaus, welches über der Schacht- öffnung steht. Beide Gebäudeteile wurden ganz oder teilweise verbrettert bzw. mit Schindeln gedeckt. Funktionell wichtigstes Bauteil ist die senkrecht stehende Göpelspindel, welche über einen langen Querbaum (Schwengel) von 2 Pferden gedreht wird. An der Göpelspindel befindet sich oben die Seiltrommel, auf der die beiden Förderseile gegenläufig aufgelegt sind. Befand sich die eine Fördertonne unten am Füllort, hing die andere gerade oben an der Hängebank im Pferdegöpel.
Beeindruckend sind die Abmessungen des Göpels von Neu Leipziger Glück. Die Göpelpyramide hatte bei 13,5 m Höhe einen Durchmesser von 21 m. Das gesamte Gebäude war 27,5 m lang. Mit zwei Pferden konnten in einer achtstündigen Schicht 32 Fördertonnen vom Gnade Gottes Stolln aus ca. 140 m Tiefe gefördert werden. Eine Fördertonne fasste etwa 0,25 m3 Masse.
Die Grube selbst besaß keine Pferde – für 1 bis 2 Taler pro Schicht bespannten Fuhrleute, Bauern bzw. die Johanngeorgenstädter Postmeister den Pferdegöpel. Neben dem Treiber für die Pferde benötigte man zum Betrieb des Göpels den Anschläger im Füllort des Schachtes, der die Fördertonnen zu füllen hatte und den Treibemeister. Letzterem oblag die Aufsicht im Göpel. Er betätigte die Bremse und hielt mit einer Signaleinrichtung Verbindung zum Anschläger.
Abriss und Wiederaufbau
Nachdem der Pferdegöpel seine Bedeutung als Förderanlage für den Bergbau verloren hatte, nahm sich der Landesverein Sächsischer Heimatschutz seiner an und sammelte 1920 etwa 30.000 Mark für die dringend notwendigen Reparaturen. Danach diente der Göpel mehr als 25 Jahre lang als technisches Denkmal.
Im Jahre 1946 begann in Johanngeorgenstadt der Uran-Bergbau durch die SAG WISMUT. Der Abbau wurde in ungeahntem Ausmaß wieder aufgenommen. Auf Denkmale der Bergbaugeschichte nahm man dabei keine Rücksicht – so wurde 1948 der letzte erhaltene Pferdegöpel in Sachsen vernichtet.
Über die Jahre wurde immer wieder der Wiederaufbau des Göpels gefordert. Seit 1975 wurden Fotos und Zeichnungen zusammengetragen und ein Projekt erstellt, welches jedoch vor der Wende nicht zu realisieren war. 1991 hatte man endlich Erfolg – der Freistaat Sachsen bewilligte die erforderlichen Fördermittel zum Bau eines originalgetreuen, funktionsfähigen Pferdegöpels.
Mit wenigen Ausnahmen fanden sich ortsansässige Firmen, die den komplizierten Bau durchführen konnten. Bereits am 17. Juni 1992 fand die feierliche Grundsteinlegung statt. Bis Ende August erfolgte die Einbringung des Fundaments und die Aufstellung des Fachwerk-Gerüstes von Göpelpyramide und Treibehaus. Im Herbst 1992 wurde das Treibehaus verbrettert und es begann die Beschindelung des Göpels. Als Nebengebäude für den Pferdegöpel mit Kasse, Toiletten und Ausstellungsraum entstand ein Nachbau des Huthauses des Eleonora Stollns.
Im Juli 1993 begann der Einbau der Maschinenteile und die Freilegung des verfüllten Schachtes. Dabei stellte sich heraus, dass die 245 Jahre alte Trockenmauerung fest und sicher stand. Mittlerweile wurden auch die Außenanlagen vorgerichtet. Beim gesamten Wiederaufbau zeigte sich immer wieder, welche technisch einfache und doch zweckmäßige Lösung unsere Vorfahren gefunden hatten.
Am 30. Oktober 1993 war es soweit – mit einer Bergparade begann die feierliche Einweihung des Pferdegöpels. Mehr als 3000 Menschen waren gekommen. Nach der Übergabe des Göpels an der Förderverein fanden die ersten Schauvorführungen statt.
(Dieser Text ist am 01.01.2005 auf der alten Version von geoberg.de erschienen und wurde übernommen.)
Tags: Bergbau, Johanngeorgenstadt, Pferdegöpel