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Erzgebirgische Bergbaugeschichte

Wie alles begann … (12.-15. Jh.)

Schon 1168 wurde der Überlieferung nach das erste Silbererz im Meißner Land, nahe dem heutigen Freiberg, gefunden. Angeblich sollen Fuhrleute während ihrer Reise auf dem tief eingegrabenen Fuhrweg ein Stück Silbererz gefunden haben. Allerdings ist nicht bekannt, ob das erste Erz tatsächlich durch Zufall entdeckt wurde oder ob man gezielt danach suchte.

Natürlich sprach sich die Nachricht über einen Silberfund sehr schnell herum. Und da die wirtschaftlichen Verhältnisse unter der “normalen” Bevölkerung alles andere als gut waren, beschlossen viele Männer mit ihren Familien in das damals noch unbekannte und unbenannte Gebirge zu ziehen und dort ihr Glück zu versuchen. Verständlicherweise gab es nur sehr wenige “Fachleute” unter den Neusiedlern, sodass sich der Erfolg beim Erzabbau nicht so recht einstellen wollte.

Nicht zuletzt hatte auch Markgraf Otto von Meißen großes Interesse am Aufleben des Bergbaus, denn er erhoffte sich zusätzliche Einnahmen und damit Reichtum. So lockte er mit zahlreichen Vergünstigungen v.a. Bergarbeiterfamilien in die erzreiche Region. Er versprach u.a. die Freiheit der Person und die Befreiung von Grundlasten bei Abgabe des Fronteils. Auch durften die Bergleute schürfen wo immer sie es für richtig und ergiebig erachteten.

Das sogenannte “Berggeschrei” führte, übrigens ähnlich wie der Gold- und Ölrausch in der Geschichte Nordamerikas, zu einer immer stärkeren Besiedlung des Erzgebirges. Für die meisten der Zugereisten war das “Bergmannsein” unbekannt. Mit einem kleinen Öllämpchen und dem Symbol des Bergbaus, dem Schlägel und Eisen, in der Hand ging es in den Berg hinein an Orte, die zuvor nie ein Mensch betreten hatte. Diese sehr harte und beschwerliche Arbeit schlug sich auch auf die Gesundheit der Bergleute nieder. Viele wurden nicht älter als 30 oder verstarben noch früher.

Ursachen liegen zum einen in den kalten und dunklen Arbeitsbedingungen und zum anderen in den Arbeitsmethoden, die für ihre Zeit fortschrittlich waren, aber eben der Gesundheit schadeten. So setzten die Bergleute zum Beispiel Feuer um das harte Gestein zu erhitzen. Durch schnelle Abkühlung mit Wasser wurde das Gestein brüchig und ließ sich leichter aus dem Berg hauen. Die starke Rauchentwicklung schlug sich natürlich auf das Wohlbefinden der Bergleute nieder. Durch das später eingeführte Schießen (Sprengen) entstanden ebenfalls Gase, die der Gesundheit nicht zuträglich sind. Auch der beim Abbau entstehende Staub, der in bestimmten Abbaugebieten das damals noch unbekannte radioaktive Uranerz enthalten konnte, sowie das radioaktive Edelgas Radon, das durch Umwandlung (“Zerfall”) der Uranatome entsteht, trugen ihr übriges bei.

Diese neue und unbekannte Welt eröffnete den Bergleuten Tür und Tor zum Aberglaube. Dieser sich in den beiden Anfangsjahrhunderten des Silberbergbaus ausbreitende Glaube an Berggeister und andere Wesen spiegelt sich auch heute noch in vielen Stollen- und Schachtnamen wider. In den späteren Jahrhunderten drängte sich dann immer mehr der christliche Glaube vor. Jede Bergstadt besaß und besitzt eine eigene Kirche, die im Zuge des Bergbaus für die Bergleute gebaut worden ist. Nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Kaue kamen die Bergleute vor der Einfahrt ins Bergwerk zum Gebet zusammen.

Den erhofften Wohlstand durch ihre bergmännische Tätigkeit erreichten nur sehr wenige der Bergleute. Viele lebten mit ihren Familien am Existenzminimum und mussten sich z.B. durch den Verkauf ihrer Schnitzereien noch etwas Geld hinzuverdienen. Neben dem Geld fehlten dem einfachen Bergmann auch grundlegende, heute selbstverständliche Rechte. So kam es, dass sich langsam, aber stetig sog. Bergbrüder- und Knappschaften herausbildeten, die die Rechte der Bergleute vertraten. U.a. konnte erreicht werden, dass Bergleute vom Kriegsdienst befreit wurden.

Fortschritt im Bergbau (15.-20. Jh.)

Die zumeist unerfahrenen zugereisten Bergleute aus den Anfängen des Bergbaus existierten im 15. Jahrhundert in ihrer Art nicht mehr. Über Generationen hinweg hatte sich neues Wissen, z.B. über Abbaumethoden oder über das Auffinden von Erzen, angesammelt. Neue Techniken galt es zu entwickeln, da die Abbaubedingungen von Jahr zu Jahr schwieriger wurden. Die Bergleute drangen immer tiefer und weiter in die Berge hinein und standen vor zunächst unlösbaren Problemen. Beispielsweise machten ihnen die unerschöpflichen Wassermassen, aber auch die fehlende frische Luft in der Tiefe zu schaffen.

Erste Erleicherungen wurden durch die Entwicklung von Transportwagen für das Gestein, den sog. Hunten, geschaffen. Auch Haspeln, also Seilwinden zum Hinaufziehen oder Hinunterlassen von Materialien, erleichterten die Arbeit der Bergleute ungemein. Vor diesen Entwicklungen mussten die Erzkisten mit der Hand getragen und über Leitern, den sog. Fahrten, aus der Tiefe ans Tageslicht gebracht werden. Vereinzelt wurden auch schon Pferdegöpel gebaut. Hierbei laufen mehrere Pferde im Kreis und ziehen die Erzkübel über eine ausgeklügelte Mechanik an die Erdoberfläche.

Doch nicht nur die Männer in den Familien arbeiteten im Bergbau, sondern auch die Frauen und Kinder. Zwar blieben sie übertage, aber hatten ebenso eine schmutzige, harte und schlecht bezahlte Arbeit. Sie arbeiteten in der Erzaufbereitung, mussten also z.B. das Erz vom tauben Gestein trennen und zerkleinern.

Der Arzt und Wissenschaftler Georgius Agricola (lat. Georg Bauer 1494-1555) befasste sich um circa 1520 intensiv mit den Problemen des Bergbaus. Er war einer der ersten Menschen überhaupt, die sich mit dem Bergbau wissenschaftlich auseinandersetzten. Er fertigte Zeichnungen von den vorhandenen Techniken im Bergbau an, suchte nach effizienteren Abbaumöglichkeiten und entwickelte neue Techniken, die positive Auswirkungen, Erleichterungen für die Bergleute bedeuteten. Neben dem wirtschaftlichen Aspekt des Bergbaus kümmerte er sich auch um die gesundheitlichen Probleme der Bergleute. Sein wohl bekanntestes Schriftstück ist das zwölfbändige Werk “De re metallica”, in dem er seine Forschung im Bergbau und Hüttenwesen darlegt.

Im 16. und 17. Jahrhundert erlag der erzgebirgische Bergbau im Großen und Ganzen den gesellschaftlichen und politischen Problemen, denn viele Seuchen und Kriege flammten zu dieser Zeit auf und minderten die Zahl der zur Arbeit tauglichen Bergleute. Mit Entspannung der politischen Lage blühten die einstigen Silberbergwerke wieder auf. Und auch die Technik machte rasante Fortschritte. Ausdruck für diesen Fortschritt ist die Gründung der Freiberger Bergakademie im Jahre 1765, die als erste und älteste bergbautechnische Hochschule der Welt gilt. So schloss sich der Kreis von der Entdeckung des ersten Erzes bis hin zum geowissenschaftlichen Zentrum in Freiberg wieder. Auch heute noch zählen die Freiberger Hochschulabsolventen zu den Besten ihres Fachs. Die Bergakademie kann mit einigen berühmten Studenten aufwarten: Alexander von Humboldt, Freiherr von Stein, Clemens Winkler, Novalis und viele andere.

Die Phase des erneuten Auflebens des erzgebirgischen Bergbaus hielt nicht lange an. Mit der Einführung von Goldmünzen als Zahlungsmittel des 19. Jahrhunderts, damit verbunden dem Verfall des Silberpreises, dem Rückgang der Ausbeute in den Silbergruben und dem immer weiter steigenden Kostenaufwand für die Betreibung der Schächte kam das aus für viele Bergwerke. Nur in wenigen Gruben, wie in Johanngeorgenstadt, Freiberg und Schneeberg, fand noch Abbau von Buntmetallerzen statt. Aber Mitte des 20. Jahrhunderts kam es auch dort wegen Unrentabilität und zu hohen Kosten zum Erliegen des Berbaus.

Als Zeitzeugen blieben Stollen, Schächte und Halden zurück, die schon bald wieder Ausgangspunkt für ein zweites “Berggeschrei” werden sollten …

Ein zweites Berggeschrei (1945-1990)

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Deutschland von den sowjetischen und den amerikanisch-britisch-französischen Besatzungsmächten in Ost und West geteilt. Schon während der Verhandlungen über eine Teilung Deutschlands begann die Sowjetunion Geologen ins Erzgebirge zu senden, die dort nach Uran suchen sollten. Strategisch war Uran unersetzlich. Die Sowjetunion brauchte eine eigene Atombombe, wenn sie sich nicht den Forderungen der USA unterwerfen wollte. Die US-Amerikaner hatten den Krieg gegen Japan durch Abwurf zweier Atombomben schlagartig und grausam beendet. Damit wippte das Mächtegleichgewicht auf die Seite der USA. Und da in der Sowjetunion selbst bis dahin kaum Uranerze gefunden wurden, begannen die russischen Geologen damit, alte Stollen und Schachtanlagen zu öffnen und mit Geigerzählern nach Uranerz zu suchen.

Sie wurden tatsächlich fündig. Das in den vergangenen Jahrhunderten achtlos auf die Halden geschüttete schwarze Erz, die sogenannte Pechblende (wo sie auftrat fand man selten Silbererze, daher “Pech”), entwickelte sich nun zum Auslöser eines neuen und gewaltigeren “Berggeschreis” im Erzgebirge.

In den Anfangsjahren wurden Kriegsgefangene und Kriminelle noch zwangsverpflichtet, Uran abzubauen. Aber schon von Anfang an zog es zahlreiche Freiwillige ins Erzgebirge zur Sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG) Wismut. Das hatte auch seine Gründe. Die Wismut lockte mit ausreichend Nahrungsmitteln (u.a. mit den berühmten Schnapsrationen, “Kumpeltod” genannt), mit genügend Lohn und guter gesundheitlicher Versorgung. Alles Güter, die in der Nachkriegszeit äußerst selten und damit umso begehrter waren.

Die Wismut wurde auch gern als “Staat im Staate” bezeichnet, da sie über eine eigene Feuerwehr und Polizei sowie über eigene Läden und Kliniken verfügte. Außerdem mussten die Bergleute ihre normalen Pässe gegen Wismutpässe umtauschen. Erst bei Verlassen des Wismutgeländes bekamen sie ihre eigentlichen Ausweise zurück.

Alte Bergbauzentren entwickelten sich zeitweise zu pulsierenden “Großstädten”. So zum Beispiel Johanngeorgenstadt an der tschechischen Grenze. In dieser Kleinstadt mit heute gerade noch 5000-6000 Einwohnern (abnehmend) arbeiteten zeitweise über 80000 Bergleute. Es wurden Wismutbaracken gebaut, die Infrastruktur wurde hergerichtet, Freizeitmöglichkeiten wurden geschaffen und vieles mehr. Johanngeorgenstadt entwickelte sich so zu einem der bedeutendsten Uranbergauzentren des Erzgebirges. Aufgrund des fortschreitenden Uranerzabbaus wurde sogar die Altstadt, also das damalige Zentrum der Stadt, abgerissen, weil man darunter Uran vermutete, durch dessen Abbau sich die Altstadt abgesenkt hätte. Nachdem die Altstadt abgerissen und der Ersatzstadtteil Neustadt aufgebaut worden war, fand man aber nicht die erhofften Erzmengen, sodass der Uranabbau in Johanngeorgenstadt Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre zum Erliegen kam.

Dagegen wurden andere Uranerzvorkommen erschlossen. In Thüringen im Bereich Ronneburg fanden Wismut-Geologen Uranerzvorkommen, die sogar im Tagebau abgebaut werden konnten. So verlagerte sich das Bergbaugebiet mehr und mehr aus dem Erzgebirge nach Thüringen. Die Wismut unterdessen wandelte sich von der SAG zur SDAG, der sowjetisch-deutschen Aktiengesellschaft. Die DDR musste nun also einen großen Teil der Produktionskosten selbst tragen.

Die Anfangsjahre der Wismut waren noch sehr ungeordnet, beinahe wie im Wilden Westen. Durch die aus den verschiedensten Gebieten zur Wismut kommenden Bergleute entstand ein völlig bunt zusammengewürfeltes Volk. Dies förderte natürlich Kriminalität, die sich aber nach einiger Zeit wieder legte. Kollegialität unter den Bergleuten war ausgesprochen stark ausgeprägt, denn jeder musste sich auf den anderen verlassen können. Kaum ein Bergmann der Wismutzeit bereut seine harte Arbeit. Für die meisten gibt es keinen schöneren Beruf, als Bergmann zu sein. Der weit verbreitete Ausspruch “Ich bin Bergmann, wer ist mehr?” macht dies sehr gut deutlich.

Trotz der immer fortschrittlicheren Technik, die auch bessere Arbeitsbedingungen ermöglichte, starben viele Bergleute an den Folgen ihrer Arbeit. Weit verbreitet war die Staublunge, an der auch heute noch ehemalige Bergleute leiden. Der silikatreiche Staub, der beim Trockenbohren und Sprengen entsteht, sammelt sich in der Lunge. Zwar war das Nassbohren ein enormer Fortschritt gegen diese Erkrankung, aber viele Kumpel missachteten die Vorschriften zum Nassbohren. Durch die mit Druckluft betriebenen Maschinen entstanden auch früher nicht gekannte Gelenkschäden, da die Maschinen stark vibrieren.

Eine Krankheit hatte sich allerdings über die Jahrhunderte gehalten: Die sogenannte “Schneeberger Krankheit” (Lungenkrebs), die durch das radioaktive Edelgas Radon verursacht wird. Zwar konnte durch gute Belüftung der Stollen und Schächte das Risiko daran zu erkranken gemindert werden, aber vollständig ausrotten ließ sich das Problem nicht.

Tradition und Zukunft (nach 1990)

Mit dem Ende der DDR und der Angliederung Ostdeutschlands an die bestehende BRD wurden alle noch fördernden Bergwerke im Erzgebirge geschlossen. Einerseits wurde Uranerz nicht mehr in großen Mengen benötigt, andererseits wurde es schlichtweg unrentabel mit dem Erzabbau auf dem freien Markt zu bestehen. Die SDAG Wismut wurde nach der Wende von der Sowjetunion vollständig an Deutschland übergeben. Heute existiert die Wismut als GmbH und saniert alte Bergbauflächen in Sachsen und Thüringen.

Den ehemaligen erzgebirgischen Bergwerken ist ein “Weiterleben” nur möglich, indem sie zu Besucherbergwerken umgebaut werden. Jedes Jahr kommen neue Besucherbergwerke hinzu. Im Jahr 2001 belief sich Zahl der Bergwerke bereits auf ca. 30! Die wichtigste Aufgabe dieser Bergwerke ist die Traditionspflege und die Weitergabe der erzgebirgischen Montanhistorie an Menschen, die nicht aus dem Erzgebirge stammen.

Wichtige Ansatzpunkte für die Entwicklung der Region sind die Folgeindustrien des Bergbaus, beispielsweise die Stahlverarbeitung. Aber auch die erzgebirgische Volkskunst kann sich immer mehr auf dem Markt behaupten. Und nicht zuletzt die reizvolle Natur- und Kulturlandschaft trägt dazu bei, dass das wirtschaftliche Leben auch nach dem Bergbau weitergeht.

Und wer weiß, vielleicht beginnt irgendwann wieder einmal ein “Berggeschrei” …

(Dieser Text ist am 20.08.2003 auf der alten Version von geoberg.de erschienen und wurde übernommen.)

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Eine Antwort zu “Erzgebirgische Bergbaugeschichte”

  1. Frank Ihle sagt:

    Ein herzliches Glück Auf! Erst einmal möchte ich hier attestieren, das es sich bei diesem Beitrag um eine sehr gute komprimierte Darstellung des erzgebirgischen Bergbaus handelt. Zur Richtigstellung der Abkürzung SAG soll die nachfolgende Bemerkung dienen. Die Abkürzung SAG stand für staatliche Aktiengesellschaft und erst nach der Umwandlung zur SDAG war es die sowjetisch deutsche Aktiengesellschaft. Beste Grüße und ein herzliches Glück Auf, Frank Ihle

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