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Leben im Anthropozän

Von Michael Buchwitz

Einleitung

Ihr abendländischer Geist leidet unter akuter Kränkung? Trösten sie sich! Selbst wenn nach Kopernikus, Darwin und Freud von der Idee der menschlichen Hoheit und Auserwähltheit nicht viel übrig geblieben ist, gibt es ein Mittel zur Linderung – der stete Blick in die glorreichen Gefilde des Anthropozäns. Klimaforscher und Geologen beweisen: Der Mensch wirkt. Und wie!

Es war PAUL CRUTZEN, Atmosphärenchemiker, Nobelpreisträger und Schöpfer des Begriffs “Anthropozän” (von griech. [anthropos] = Mensch), der die Epoche des globalen geologischen Wirkens des Menschen durch eine Anomalie in der atmosphärischen Zusammensetzung charakterisierte: Wer in ferner Zukunft Eisbohrkerne polarer Gletscher untersucht, wird feststellen, dass in dem seit ca. 1800 n. Chr. gebildeten Eis die eingeschlossene Luft stark erhöhte Konzentration an Kohlendioxid und Methan aufweist. Es handelt sich bei diesem Signal sozusagen um einen chemischen “Anthropomarker” (CRUTZEN 2002).

Wie sieht die Erde im Anthropozän aus?

Es gibt sehr viele Menschen, jeder einzelne ein Großverbraucher der Natur. Menschen bewirtschaften 30 bis 50% Landoberfläche, verbrauchen die Hälfte des vorhandenen Trinkwassers und durchfischen weit mehr als ein Viertel der Bioproduktion in Schelfmeeren und upwelling-Gebieten. Im Anthropozän hat sich seit dem Jahr 1900 der Energieverbrauch des Menschen mehr als versechzehnfacht unter Inanspruchnahme von Energieressourcen, die während der letzten 700 Millionen Jahre gebildet wurden. Aus dem Energieverbrauch folgen gigantische Ausstöße an Kohlendioxid, Methan, Stickoxiden und Schwefeldioxid (die letzten beiden übersteigen natürliche Quellen) und die höchste atmosphärische CO2- und Methankonzentration der letzten 400.000 Jahre. An diese Wirkungen des Menschen sind bekanntermaßen klimatische Konsequenzen gebunden, die Effekte könnten Schätzungen zur Folge noch in 50.000 Jahren nachwirken (CRUTZEN & STOERMER 2000, CRUTZEN 2002).

Der anthropozäne Mensch gestaltet die terrestrischen Ökosysteme nach seinen Bedürfnissen um: Aus komplex vernetzten Gemeinschaften mit einer hohen Diversität an Pflanzenarten, Primärkonsumenten (Pflanzenfressern) und Konsumenten höherer Ordnung (Räubern) werden unter menschlicher Bewirtschaftung solche mit einer geringen Zahl an Pflanzen und Pflanzenfressern und einem dominierenden allesfressenden Endkonsument: dem Menschen selbst. Auswirkungen der Umgestaltung sind u.a. eine Vertausend- bis Verzehntausendfachung der natürlichen Aussterberate in den Regenwäldern, die Halbierung der Mangrovenwälder und die drastische Erhöhung der Stickstoffkonzentration in natürlichen Reservoiren durch den Gebrauch von Mineraldüngemitteln (nach POTTS 2003, CRUTZEN & STOERMER 2000, CRUTZEN 2002).

WILKINSON hat in einer kürzlich erschienen Veröffentlichung die erodierende Wirkung des anthropozänen Menschen analysiert: Durch diverse Bautätigkeiten werden riesige Mengen an Locker- und Festgestein bewegt und die Rate der Bodenerosion übersteigt infolge des Ackerbaus die der Bodenneubildung um eine Größenordnung. Im Vergleich zu “Paläoabtragungsraten”, die zeigen, dass ohne menschlichen Einfluss natürliche Denudationsprozesse innerhalb der vergangenen halben Milliarde die Kontinentoberflächen um wenige Zehnermeter pro Millionen Jahre absenkten, haben die anthropogenen Mechanismen mehrere 100m Absenkung pro Millionen Jahre zur Folge. Interessanterweise zeigen Hochrechnungen zur Bevölkerungsentwicklung, Landnutzung und “Pro-Kopf-Gesteinsbewegung”, dass anthropogene Erosionsprozesse bereits seit dem Ende des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung über alle natürlichen Prozesse dominieren. Demnach läge der Beginn des “exogen-dynamischen Anthropozäns” bereits 1000 Jahre zurück (WILKINSON 2005).

Wie lange wird das Anthropozän andauern?

Zwei Planeten treffen sich nach Millionen Jahren. Sagt der eine:
“Du siehst aber schlecht aus! Fehlt Dir was?”
“Ja”, stöhnt der andere “ich habe eine seltene Krankheit. Sie heißt Homo sapiens.”
“Ach, das ist nicht so schlimm. Dauert nur kurz. Geht bald vorüber.”

(frei nacherzählt nach WUKETITS 1998).

Ohne Zweifel ist der Mensch derzeit ein bedeutender geologischer Faktor, der auf das System Erde Einfluss nimmt wie kaum eine andere einzelne Art im Verlauf der Erdgeschichte. Für wie lange noch? CRUTZEN & STOERMER gehen davon aus, dass ohne globale Katastrophen wie großflächige vulkanische Eruptionen, Meteoriteneinschläge, Atomkriege, Pandemien, eine neue Eiszeit oder Ressourcenplünderung unter Nutzung primitiver Technologien die Wirkung des Menschen als wichtige geologische Kraft noch viele Jahrtausende andauern könnte (CRUTZEN & STOERMER 2000, CRUTZEN 2002).

FINNIGAN hält Aussagen zur Dauer und Stabilität der menschlich dominierten Ökosysteme für schwierig, da sie sich stark nichtlinear verhalten, was die Möglichkeit einer Vorhersage nahezu ausschließt. Er sieht jedoch in bestimmten Ansätzen, die neue Computertechnologie zur Modellierung nutzen, Chancen zur Lösung von Problemen bei der Erforschung des gegenwärtigen Systems Erde (FINNIGAN 2003).

Letztlich steht außer Frage, dass in Zukunft ein Wandel gegenüber der bisherigen Art und Weise des Wirtschaftens und der Ressourcennutzung erfolgen wird. Laut CRUTZEN soll es in der Hand der Naturwissenschaftler und Ingenieure liegen, die Gesellschaft in Richtung nachhaltige Bewirtschaftung zu führen. Mit diesem Ziel vor Augen sind auch langfristige großflächige Geoingenieurprojekte anzugehen, die den zeitlichen Rahmen bisheriger Planungen übersteigen (nach CRUTZEN 2002).

Aus der (zeitlichen) Ferne betrachtet: Was bleibt vom Anthropozän übrig?

Geologie-Zwischenprüfung anno 289.778.345 n. Chr.:
Professor: “Können Sie Aussagen zu diesem Handstück treffen?”
Student: “Ja. Es handelt sich um “Müllit”. Ca. 290 Millionen Jahre alt.”
Prof.:” Und woran haben sie das erkannt?”
Student.: “Seltsame Aggregate aus Kohle und Erz… typisch Anthropozän. Gesteinbildner: Homo pseudosapiens…”

Wie lange bleiben die Zeugnisse des Menschenzeitalters erhalten? Was wird in 100.000, einer Million oder zehn Millionen Jahren noch übrig sein. Die zu analysierenden Lufteinschlüsse im ewigen Eis halten maximal bis zum nächsten vollständigen Abschmelzen der Polkappen. In den bisherigen Eisbohrungen sind mehrere 100.000 Jahre an Eiskern erbohrt worden. Man kann davon ausgehen, dass chemische Anthropomarker wenigstens diesen Zeitraum registrierbar überdauern.

Siedlungsreste aus Stein sollten als solche wenigstens bis zur Diagenese der Sedimente erkennbar sein. Die ältesten überlieferten Steinwerkzeuge der Oldowan-Kultur sind ca. 2,5 Millionen Jahre alt (siehe z.B. SEMAW et al. 1997). Man kann also in sedimentären Abfolgen über Jahrmillionen hinweg mit steinernen Zeugnissen der menschlichen Zivilisation rechnen.

Allerdings besteht das Problem der hohen Abtragungsraten. Es könnte sein, dass im Anthropozän langfristig gesehen kaum eine Nettobildung kontinentaler Sedimente stattfindet. Die Zeit des menschlichen Wirkens sollte riesige, miteinander korrelierbare Erosionsflächen und Bodenhorizonte hinterlassen. Unter Umständen würden Sequenzstratigraphen das Anthropozän aufgrund dieser Flächen als globalen Meeresspiegeltiefstand auffassen, obwohl in Wirklichkeit nur die Erosionsraten durch den Menschen stark erhöht waren.

In vielen Sedimenten des Anthropozäns wäre durch die menschliche Umgestaltung der Ökosysteme ein massiver Wandel sowohl in den Pollen- und Sporenassoziationen als auch in den fossilen Tier- und Pflanzengemeinschaften zu erwarten. Es dürfte Hinweise auf einen massiven Einschnitt in der Artenvielfalt geben. Menschliche Überreste wären global nachzuweisen, der Mensch quasi ein Leitfossil, ebenso Schwein, Rind, Hund etc.

Von Menschen hergestellte Werkstoffe könnten gewisse chemische und Isotopen-Anomalien zeigen, die sonst in der Natur nicht auftreten. Auch manche “anthropogenen Erze” z.B. mit hoher Anreicherung einer bestimmten Seltenen Erde oder eines anderen sehr seltenen Metalls sind eventuell nicht durch natürliche Geneseprozesse zu erklären. Verschiedene Kunststoffe mit sehr hohen Zersetzungshalbwertszeiten könnten in Spuren noch lange in anthropogenen Sedimenten mit Anteilen organischen Kohlenstoffs erhalten bleiben. Interessant ist auch die Frage, inwiefern so etwas wie “Deponiestein” oder “Müllit” dabei herauskäme, wenn Müllkippenablagerungen diagenetisch verfestigt würden.

Die hohen Kohlendioxid-Konzentrationen sollten sich auf die d13C-Werte in Sedimenten und Tierskeletten auswirken und für die Zeitspanne des Anthropozäns eine gewisse Anomalie hervorrufen. Kontinentale Sedimente könnten aufgrund der starken Düngung charakteristische Stickstoffanreicherungen zeigen.

Langlebige Produkte der Spaltung von 235U und 239Pu wären in einem sehr engen stratigraphischen Zeitfenster (je nach dem, wie lange wir Kernenergie nutzen) ebenfalls zu erwarten.

Wie lange bleiben fossile Bergwerke z.B. als verfüllte Schächte (ähnlich den Bohrspuren mancher Muscheln und Schwämme im Kalkstein) erhalten, falls sie nicht freigelegt und mit dem umgebenen Gesteinen wegerodiert werden?

Es gibt neben den angesprochenen bestimmt noch etliche andere mögliche “Anthropomarker”. Archäologen, Archäometriker und Archäometallurgen sollten uns in dieser Hinsicht einige Hinweise geben können.

Das Anthropozän als Wiedergutmachung …

… von Seiten der Naturwissenschaften: Ja, wir sind ja doch wer! Verloren in den Weiten von Zeit und Raum und Produkt einer natürlichen Schöpfungsgeschichte, gelingt es uns immerhin, spürbar die eigene geologische Zeitepoche zu prägen. Wir beeinflussen nachträglich und im großen Stil alle bewohnten Planeten, die wir kennen, sprich: die Erde. Vielleicht ist das dem einen oder anderen, der sich durch die Haltlosigkeit des naturwissenschaftlichen Weltbilds gedemütigt sah, ein Trost.

… und Herausforderung!

Was unserer Art noch gelingen muss: als “weiser Mensch” (Homo sapiens) in die Erdgeschichte einzugehen. Der französische Naturforscher, Theologe und Jesuitenmönch PIERRE TEILHARD DE CHARDIN sah den göttlich-vollkommenen Endzustand (den “Omega-Punkt”) der Evolution des Systems Erde und des Kosmos in der Weiterentwicklung der “Noösphäre”, einer durch den menschlichen Geist geschaffenen Welt des globalen Bewusstseins (siehe z.B. CUNNINGHAM 1997), dass die anderen Sphären wie Geosphäre und Biosphäre durchdringt. Das Bild der Noösphäre mag einen Anhaltpunkt dafür geben, woran es uns im derzeitigen “Unteren Anthropozän” noch fehlt: Globales Bewusstsein!

Literaturverzeichnis

Crutzen, P.J. (2002): Geology of mankind. – Nature 415: 23.(Link: http://www.studgen.uni-mainz.de/sose04/schwerp3/expose/geology.pdf)

Crutzen, P.J. & Stoermer, E.F. (2000): The Anthropocene. – IGBP Newsletter 41. (Link: http://www.mpch-mainz.mpg.de/~air/anthropocene/)

Cunningham, P.J.(1997): Teilhard de Chardin and the Noosphere. – CMC Magazine. (http://www.december.com/cmc/mag/1997/mar/cunning.html)

Finnigan, J. (2003): Earth system science and the Early Anthropocene. – Global Change NewsLetter No. 55: 8- 11. (Link: http://www.igbp.kva.se/uploads/NL_55_3_Finnigan.pdf)

Potts, R. (2003): Early Human Predation. In: Kelley, P.H., Kowalewski, M. & Hansen, T.A.(Hrsg.): Predator-Prey Interactions in the Fossil Record. – Kluwer Academics/ Plenum Publisher, New York, S. 359- 376.

Semaw, S., Renne, P., Harris, J.W.K., Feibel,C.S., Bernor, R.L., Fesseha, N. & Mowbray, K.(1997): 2.5-million-year-old stone tools from Gona, Ethiopia. – Nature 385: 333- 336.

Wilkinson, B.H. (2005): Humans as geologic agents: A deep time perspective. – Geology 33(3): 161- 164.

Wuketits, F.M. (1998): Naturkatastrophe Mensch – Evolution ohne Fortschritt. – DTV, München, 279 S.

(Dieser Text ist am 17.05.2005 auf der alten Version von geoberg.de erschienen und wurde übernommen.)

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Eine Antwort zu “Leben im Anthropozän”

  1. Leschke, Frank sagt:

    Sehr interessant zu dieser Thematik ist m.E. auch das Buch von Alan Weisman “Die Welt ohne uns”.
    Gerade, was aus den verschiedensten Mülldeponien, ob Hausmüll, Bauschutt oder Sondermüll ohne Abtragung aber nach Lagerung in z.B. 5 – 10 km Tiefe unter in diesen Tiefen üblicherweise herrschenden Druck-Temperatur-Bedingungen und das über geologische Zeiträume (> 100 Ma) entsteht. Auch Schiffswracks großer Masse, hohem Metallanteil und kompakten Ladungen in der Tiefsee
    dürften wohl kaum so schnell der Erosion anheim fallen, dafür aber mit kilometerdicken Feinstsedimenten bedeckt werden und eventuell irgendwann in irgendeine Subduktionszone gelangen.
    Mich würde interessieren, ob es dazu seriöse Untersuchungen gibt. Vielleicht hat schon mal jemand den Inhalt seinens Mülleimers einige Zeit lang hochmetamorphen Bedingungen ausgesetzt.

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