Von Wolf Wichmann
Einleitung
Immer mal wieder taucht die mysteriöse “Pyramide” des “Hiseki Point” in diversen deutschen Fernsehkanälen auf. Als Wiederholung früherer Beiträge, versteht sich, nicht etwa in Form neuer Produktionen. Spiegel-TV, ZDF und auch die ARD hatten zwischen 1999 und 2003 in verschiedenen Dokumentationen die Entdeckung und Erforschung dieser ungewöhnlichen Felsformation vor der japanischen Insel Yonaguni auch in Deutschland zum Medienthema erhoben.
Seither werden dieselben Beiträge wieder und wieder über den Äther in die Wohnzimmer der deutschen TV-Konsumenten geschickt, ohne dass es sensationell Neues zum Thema zu berichten gibt. Merkwürdig scheint dies allemal – hatte doch die Entdeckung und die Diskussion um den Ursprung der Formation seinerzeit die Gemüter einigermaßen erregt. Und so stand zu vermuten, dass sich Geowissenschaftler und Archäologen daraufhin gemeinsam bemühen würden, mit wissenschaftlichen Forschungsmethoden Licht in das mysteriöse Dunkel zu bringen. Bedauerlicherweise scheint die Auseinandersetzung der ernsthaften Wissenschaft mit diesem Phänomen jedoch bis heute kaum ernsthaft stattgefunden zu haben. Jedenfalls sind bislang keine neueren Fachpublikationen zu diesem Thema erschienen. Lediglich die Diskussion in einschlägigen Internet-Foren flackert regelmäßig nach jeder tele-visionären Ausstrahlung auf, um bald darauf auch wieder zu verstummen. Ich hatte 1999 die Gelegenheit, dem GREENSCREEN-TV Produktionsteam für eine Dokumentation im Auftrag von Spiegel-TV als geowissenschaftlicher Fachberater vor Ort beiseite zu stehen. Sporadisch versuche ich mir seither einen Überblick über den Stand der Erkenntnisse um die Formation zu verschaffen. An dieser Stelle möchte ich die Geschichte um das Phänomen und die bislang bekannten Fakten zusammenstellen. Ich greife dabei auf bereits erschienene Artikel und Diskussionsbeiträge in unterschiedlichen Medien zurück.
Die Entdeckung
Auf der Suche nach lohnenden Exkursionszielen für seine Kunden stieß Kihachiro Aratake, Besitzer und Betreiber einer Tauchbasis auf Yonaguni, vor rund 20 Jahren auf eine merkwürdige Formation unter Wasser. Ein Felsklotz mit einer Oberfläche von etwa 50 mal 20 Metern ragte vor der felsigen Südküste der Insel aus einer Tiefe von rund 25 Metern bis knapp unter die Wasseroberfläche empor. Er zeigte eine erstaunliche Formenvielfalt aus scheinbar unnatürlich geraden Kanten, Treppenstufen und verwirrenden Linienmustern. Andere Formelemente wie leicht geneigte, glatte Plateaus, straßenartig verlaufende Terrassen und von senkrechten Wänden eingefasste Kanäle versetzten den Taucher in ehrfürchtiges Staunen. Schon kurze Zeit nach dieser Entdeckung berichteten die wichtigsten Zeitungen Japans von einer archäologischen Sensation: von einer asiatischen Cheops-Pyramide und von einem Angkor Wat unter Wasser war die Rede, architektonische Parallelen zur den Pyramiden der indianischen Kulturen Lateinamerikas wurden herbei interpretiert.
Seither sorgt das “Yonaguni-Monument” am Hiseki-Point für kontroverse Debatten – zu Anfang nur in den nationalen japanischen Medien, später auch unter Geowissenschaftlern, Historikern und vor allem in Esoteriker-Zirkeln weltweit. Die Expertenmeinungen über den Ursprung dieser Formation gingen dabei naturgemäß weit auseinander. Dabei ging es im wesentlichen um die Frage, ob die teilweise terrassierte, rechteckige Formation das Relikt einer technologisch, kulturell und sozial hoch entwickelten frühen menschlichen Gesellschaft oder schlicht das Ergebnis derjenigen natürlichen Erosionsprozesse ist, die vor Ort seit Jahrtausenden ablaufen.
Schon sehr früh schien – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – die Entscheidung hierüber gefallen zu sein. Die Forschungsergebnisse von Masaaki Kimura, Professor für marine Geologie und Geophysik an der “Ryukyu-Universität” in Naha, der Hauptstadt Okinawas, schienen für große Teile der Öffentlichkeit bereits sehr bald zu belegen: Das “Yonaguni-Monument” ist ein Beweis für die Existenz einer hoch entwickelten Zivilisation, die vor rund 8.000 Jahren im asiatischen Raum ihre Blütezeit hatte. Von Stund an stand das sagenhafte Lemurien – oder eben “Mu” im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Lemurien, das pazifische Gegenstück zum sagenhaften Kontinent Atlantis soll der – im übrigen relativ neuzeitlichen – Legende nach von einer technologisch und gesellschaftlich hoch entwickelten Zivilisation besiedelt gewesen sein und wird verdächtigt, die Keime hoch stehender Technologie und Kultur in die umliegenden Länder getragen zu haben. Die entdeckte Formation, so die einhellige Meinung, sei ohne Zweifel ein Überrest eben jener lemurischen Zivilisation, welche die Anlage zu kulturellen Zwecken erbaut und genutzt habe.
Wunschdenken oder Faktenanalyse? In der Tat scheinen einige der sorgfältig gesammelten Indizien eine gezielte Be- oder Überarbeitung der aus anstehendem Sandstein bestehenden Struktur nahe zu legen. Zu den zahlreichen Besuchern der Formation gehörten Journalisten, namhafte Buchautoren und auch einige Geowissenschaftler.
Der britische Bestsellerautor Graham Hancock und seine Frau Santha Faiia dokumentierten im Verlaufe ihrer häufigen Besuche vor Ort zahlreiche Muster der Formation und diskutierten deren Herkunft in TV-Beiträgen und Büchern. Seither sprudeln zahllose Internet-Seiten über vor Kommentaren und Stellungnahmen mit zum Teil gewagten Hypothesen. In der überwiegenden Mehrzahl der Beiträge akzeptieren die Autoren oft leichtgläubig die Hypothese von der untergegangenen Hochkultur als Schöpferin dieser Struktur.
Die Vielfalt der Befunde
Nur wenige Stimmen fanden sich, die versuchen, sachlich-analytisch an das Thema des Felsens am Hiseki-Point heran zu gehen. Der Bostoner Professor für Geologie Robert Schoch etwa war einer von ihnen. Er besuchte die Formation 1997 zusammen mit Graham Hancock und kam zu dem vorläufigen Schluss, dass es unter den dort herrschenden Bedingungen auch allein durch die formenden Kräfte der Natur zu einer derartigen Formbildung kommen kann.
Schon bei meinem ersten Aufenthalt auf Yonaguni war ich, ohne von Schochs Beurteilung zu wissen, und in Unkenntnis der vorausgegangenen medialen Aufmerksamkeit, zu demselben Ergebnis gekommen. Zwei Jahre später bei den Dreharbeiten zu Graham Hancocks TV-Serie “Underworld – Flooded Kingdoms of the Ice Age” 2001 (deutsch: ZDF- Expedition am 17.10.2002, “Jäger verlorener Schätze – Königreiche der Eiszeit”) wurde mein erster Eindruck durch zusätzliche Beobachtungen und sachlich-kontroverse Diskussionen mit Graham Hancock noch bestätigt.
Die bis dahin vorgelegten Indizien boten zwar ein weites Feld für Interpretationen, konnten jedoch in keinem Falle als eindeutige und unzweifelhafte Belege für eine künstliche Erschaffung der Formation herhalten. Im Gegenteil, die Beobachtung der natürlich ablaufenden Prozesse durch die Kräfte von Wellen und Brandung bei der Ausformung der Kliffküste auf Yonaguni bilden den Schlüssel zum Verständnis der lokalen Morphologie. Die Felsformation des “Yonaguni-Monuments” liegt in etwa 50 Meter Entfernung vor dem Hiseki Point an der Südküste der Insel im Meer. Etwa fünfzig Meter erstreckt sich der Fels von Ost nach West, rund zwanzig Meter von Nord nach Süd. Die Struktur ist auch heute noch den Kräften von Wind, Wellen und Brandung ausgesetzt, da sie mit ihrem obersten Plateau bis dicht unter die Wasseroberfläche reicht.
Die Steilküste der Insel gehört, ebenso wie das “Monument” selbst, zur so genannten Yaeyama-Gruppe. Diese Schichtabfolge aus mittelkörnigem Sand- bis feinstkörnigem Siltstein ist vor rund zwanzig Millionen Jahren – während des Unteren Miozän – abgelagert worden. Sie ist seither in dieser Region mehrfach vom Meer überflutet worden. Zahlreiche Erdbeben haben das Gestein innerlich zerklüftet, starke Brandung und hohe Wellen die frei liegende Bereiche abgetragen. Die südliche, also zum Meer hin exponierte Flanke ist morphologisch stark zergliedert. Scharfkantige Stufen mit senkrecht abfallenden Wänden zwischen einem halben und bis zu mehreren Metern Höhe vermitteln den Eindruck, als habe jemand mit einer Säge große Stücke aus der Wand geschnitten.
Bei genauerem Hinsehen, und im Vergleich mit den noch heute ablaufenden Erosionsprozessen an der nahe gelegenen Kliffküste kann man jedoch leicht feststellen, dass die Formen sich problemlos in Anlehnung an die natürlich angelegten Grundmuster im Gestein gebildet haben können. Die Terrassenflächen und -wände verlaufen sämtlich entlang der vorgegebenen Schwächezonen im Felsen: den planparallelen Schichtfugen des Sedimentgesteins und dem nahezu senkrecht zu diesen verlaufenden Kluftnetz. Auch alle anderen beobachteten Formen entsprechen dem Erosionsmuster, welches die hier wirksamen Kräfte auslösen. So gibt es Brandungsgassen, Strudellöcher im scheinbar massiven Gestein, sekundär ausgehärtete Krusten, sowie von Seeigeln in den Fels gefräste Löcher und Furchen. Alle diese Formen sind leicht als natürlich entstanden deutbar. Viel schwieriger ist es, Nachweis für einen künstlichen Ursprung zu führen, sowohl für die Entstehung einzelner Muster als auch der gesamten Formation. Nur allzu leicht gewinnen Spekulation und Wunschdenken die Oberhand über klare Analyse und Interpretation der Fakten.
Sind alle Formen des Monumentes von Yonaguni das Ergebnis rein natürlicher Prozesse?
Dies ist die wichtigste Frage, die sich die Befürworter der Bauwerks-Hypothese stellen. Insbesondere die scheinbar unnatürlich geometrisch exakte Ausbildung der Stufen und Flächen scheint die Zweifel an einer rein natürlichen Entstehung zu stützen.
Zur Klärung dieser Fragen muss man zunächst die Begrifflichkeit präzisieren. Unter dem englischen Begriff “Yonaguni Monument” werden in erster Linie die Felsgebilde unter Wasser am Hiseki Point verstanden. Yonaguni selbst ist die am weitesten südlich gelegene Insel des Ryukyu-Inselbogens, zu dem als größte Insel auch Okinawa zählt. Auf der Insel selbst gibt es in der Tat eine prähistorische Kultur der Steinbearbeitung. So findet man beispielsweise geräumige Grabkammern, die in ein natürliches Vorkommen von massivem Korallenkalk gehauen sind.
Dieses fossile Korallenriff (Formation “Ryukyu-Limestone”; Alter/ Bildungszeitraum: Pleistozän/ ca. 1,2 Mio.-30.000 Jahre), wurde in erdgeschichtlicher Zeit gehoben und ist später durch eine bisher nicht bekannte Zivilisation bearbeitet worden. Die Zugangsbereiche zu den einzelnen Gräbern zeigen Stufen und andere eher einfache Steinmetzarbeiten. Zudem sind auf der Insel Kult- und Gebrauchsgegenstände aus bearbeitetem Sandstein der Region gefunden worden. Dies sind vornehmlich Hohlformen wie Tröge und Schalen.
All diese Formen, sowohl die Gebrauchsgegenstände aus Sandstein als auch die Grabanlagen, unterscheiden sich aber in Form und Struktur sehr deutlich von den Ausbildungen des Felsens am Hiseki Point. Das gesamte Formeninventar des Hiseki Point entspricht in Geologie, Mineralogie und Morphologie der benachbarten Steilküste. Sämtliche Einzelformen sind als Ergebnis natürlicher küstenerosiver Prozesse eindeutig abzuleiten.
Das geometrische Erscheinungsbild der Sandsteinfelsen am Hiseki Point und der Steilküste resultiert aus der zu Grunde liegenden Struktur des Ausgangsgesteins und dessen Exposition zu den Abtragungskräften des Meeres. Die relativ harten Schichtpakete der “Yeayama-Formation” aus gut gebankten Sand- und Siltstein fallen in flachem Winkel nach Südosten zum Meer hin ein, die Schichtmächtigkeiten innerhalb der Serie liegen im Bereich von Dezimetern.
Die in dieser Region wirksamen endogenen Prozesse haben im Verlaufe der vergangenen Jahrtausende zur Ausbildung interner Schwächezonen im Yonaguni-Komplex geführt. Dies sind in erster Linie die tektonischen Verwerfungen im Zusammenhang mit den Plattenbewegungen entlang der Subduktionszone des Japan-Inselbogens/ Ruykyu-Grabens.
Die hier häufig auftretenden Erdbeben haben das Gesteinspaket der Yaeyama-Formation tiefgründig zerrüttet. Das möglicherweise bereits im Zuge der petrogenetischen Verfestigung der Sedimentpakete angelegte orthogonale Kluftsystem wurde auf diese Weise noch deutlicher ausgeprägt. Seismische Ereignisse können auch als Auslöser größerer Felsstürze angesehen werden, deren Spuren man überall entlang der Steilküste antrifft. Die anschließende physikalisch-mechanische Zerstörung des anstehenden Felsens vollzieht sich im Wesentlichen durch die hohe Strömungs- und Wellendynamik. Die normale Brandung erhält in dieser Region dabei noch Unterstützung durch singuläre Ereignisse, wie sie etwa die im Gefolge von Beben auftretenden Tsunamiwellen oder die verheerenden Taifune darstellen, welche diese Region relativ häufig heimsuchen.
Die durch die hohe Wellenenergie in Bewegung gehaltenen Lockermassen in der Brandungszone, wie Geröll oder Sand, wirken als Erosionswaffen schleifend und zertrümmernd auf den anstehenden Felsen. Diese Formen physikalischen Abtrags sind in situ an vielen Stellen entlang der Steilküste zu beobachten. Physikalisch-chemische Lösungs- und Zersetzungsvorgänge durch Meer- und, Niederschlagswasser sowie komplexe Vorgänge der Wechselwirkung zwischen Durchfeuchtung und Austrocknung, Salzverwitterung, Hydrolyse, sekundäre Bildung von Hartkrusten u.ä. Prozesse leisten weitere Beiträge zur Formenbildung, die sämtlich identifizierbar sind.
Zahlreiche Beispiele bioerosiver Prozesse als formgebende Komponente beim Gesteinsabbau konnten insbesondere durch die entsprechenden Spuren unter Wasser dokumentiert werden. Dominierend sind in diesem Bereich vor allem Seeigel, die teils entlang vorgegebener Kluftlinien, teils aber auch auf planen Flächen tiefe Löcher, gerade Linien oder auch skurrile Muster mehrere Zentimeter tief in den Felsen schaben.
Was eigentlich ist die Struktur am Hiseki Point und wie ist sie entstanden?
Die gesamte Küste vor Hiseki Point ist eine Kliffküste mit lehrbuchartig typischer Morphologie. Hiseki Point – also das eigentliche “Yonaguni-Monument” selbst – ist dabei der Rest einer ehemals möglicherweise größeren, zusammenhängenden aber auch heute noch wirksamen Brandungsschorre oder Abrasionsplattform, die nicht mehr bis an den Klifffuß heranreicht. Auf dieser Plattform, der Oberfläche einer ehemaligen Sedimentschicht, brechen sich die gegen die Küste anlaufenden Wellen und setzen die Brandungsenergie frei, die schließlich gegen die Kliffwand wirkt und sie – bei steigendem Meeresspiegel – immer weiter landeinwärts hin abträgt.
Das mitgeführte Geröll wird dabei mit hoher Energie gegen die Felswand geschleudert und unterstützt die Ausbildung der “Brandungskehle” am Fuße der Steilwand durch seine mechanische Schleifwirkung. Diese Hohlform an der Kliffbasis beeinträchtigt ihrerseits wiederum die Stabilität der Felswand. Hohe Gezeitenströmungen, starker Wellengang und eine äußerst energiereiche Brandung summieren sich hier zu einer außergewöhnlich großen Erosionsdynamik auf. Die steilen Wände und geraden Linien der stark “geometrisch” anmutende Morphologie sind also allein auf die innere Struktur des Gesteinskörpers zurück zu führen.
Verschiedene andere Formen die ebenso typisch für die an dieser Stelle wirksamen küstenmorphologischen Prozesse sind, können hier gefunden werden:
- Zwei in einer Spalte verkeilte, aufrecht stehende monolithische Blöcke können als Indiz für Felsstürze angesehen werden, die möglicherweise durch Erdbeben ausgelöst worden sind.
- Strudeltöpfe, wie die oft zitierten “Postholes” (Pfostenlöcher) im Topbereich der Formation, sind das Ergebnis einer punktuellen Tiefenerosion. Von starker Strömung mitgeführtes Geröll verfängt sich in einer vorhandenen Vertiefung im Strömungsbett. Durch so entstehende Turbulenzen in Rotation versetzt, schleifen die Gerölle die Vertiefung, bevorzugt am Kreuzungspunkt zweier Klüfte gelegen, oft sehr tief in den Untergrund. Auf dieselbe Weise entstehen die hierzulande besser bekannten “Gletschermühlen”.
- Ein auffälliger Brandungspfeiler steht als übrig gebliebener Erosionsrest auf einem Felssockel – ebenfalls der Überreste einer Schorre – in der Nähe des Hiseki Point in der Brandungszone etwa 200 Meter vom Felskliff entfernt im Meer.
- Gezeitenkanäle oder schmale Brandungsgassen entstehen ebenfalls vorwiegend durch mechanische Erosion entlang vorgegebener Klüfte oder anderer Schwächezonen im Gestein. Sie liegen in der Regel senkrecht zur Brandungslinie und sind auch hier sowohl aktiv im derzeitigen Küstenbereich als auch “ertrunken” an der Basis des “Monumentes” zu identifizieren.
- Neben der physikalisch-mechanischen Erosion finden sich im Küstenbereich auch Anzeichen bioerosiver Tätigkeit und chemischer Gesteinszersetzung. So findet man Unterwasser zahlreiche Löcher und Rinnen im anstehenden Felsgestein, die eine bestimmte Art von Seeigeln auf der Suche nach Nahrung hinterlassen hat.
- Rockpools, Krustenbildung durch sekundäre Aushärtung der oberflächennahen Bereiche des Gesteins über Wasser im Bereich der Spritzzone sowie tafoniartige Lochverwitterungsstrukturen sind nur einige Beispiele aus der gesamten Palette des hier aufzufindenden Formenschatzes.
Die wesentlichsten Ursachen-Wirkungsgefüge für Zerstörungs- und Abtragungsprozesse können problemlos entlang der Kliffküste Yonagunis nachvollzogen werden.
Die Thesen
Bis zum heutigen Tage stehen sich bei der Beurteilung der Entstehung der Formation zwei Grundpositionen, zwar in verschiedenen abgestuften, aber letztendlich doch nahezu unversöhnlichen Varianten, gegenüber.
- 1. Die Formation um “Hiseki-Point” ist das ausschließliche Ergebnis natürlicher Prozesse und ohne menschliches Zutun im Laufe der Zeit entstanden.
- 2. Die Formation ist die Ruine einer ehemaligen Anlage, etwa einer Festung oder eines Tempelbaus, die von einer prähistorischen Hochkultur aus dem Felsen gehauen und entsprechend ihrer Verwendung gestaltet worden ist.
Aus diesen beiden extremen Erklärungsansätzen ergibt sich eine weitere, quasi vermittelnde Position, nämlich
- 3. die Theorie des so genannten “Terraforming”, wonach die natürliche Anlage der Felsformation von einer Zivilisation quasi überarbeitet, an einen bestimmten Zweck angepasst und/ oder in ein Bauwerk integriert worden ist. Beispiele hierfür sind weltweit aus unterschiedlichen Kulturkreisen bekannt.
Westliche Autoren und Protagonisten der alternativen Archäologie wie etwa der Brite Graham Hancock oder verschiedene US-amerikanische Amateur-Archäologen wie Antony West oder Mike Arbuthnot interpretieren zunächst lediglich den Augenschein angepasst an eine Theorie, welche die Existenz einer prähistorischen Hochkultur voraussetzt. Diese Gesellschaft sei infolge ihres technologischen Entwicklungsstand in der Lage gewesen, monumentale Bauwerke aus Stein zu schaffen. In Frage käme hierfür einzig die “Jomon”-Kultur, die unter Fachleuten besonders durch die Herstellung von Töpfereierzeugnissen und wohl auch durch bestimmte Techniken der Steinbearbeitung bekannt ist. Dabei unterstützen sie die Indizien-Deutungen von Professor Kimura, wenn er seinerseits die Strukturen auf Yonaguni als Überreste des ehemaligen Kontinentes “Lemuria/ Mu” auffasst.
Auf der Theorie von der Existenz und dem Wirken einer prähistorischen Hochkultur basiert also die These, die Formation am Hiseki Point sei von Menschenhand geschaffen, zumindest aber zweckgerichtet überprägt worden und habe einer kulturellen Verwendung gedient.
Wer Geologie und Morphologie der Örtlichkeit ausschließlich im Kontext der erdgeschichtlichen und gegenwärtig wirksamen natürlichen Prozesse interpretiert, und diese Erkenntnisse mit den Ansprüchen der vorgestellten Bauwerks-Hypothese vergleicht, der stolpert zwangsläufig über ungelöste Fragen. Aus einer rein geofachlich interpretierten Anschauung heraus finden sich keinerlei aufgebauten, zusammengesetzten oder in irgendeiner Form “arrangierten” Strukturen, die zwingend von Menschen hergerichtet worden sind. Man findet also – einfach gesagt – keinerlei Bauwerke im eigentlichen Sinne.
Die Interpretation der Geologie des Aufschlusses sowie der erosiven Prozesse, die hier maßgeblich am Werke waren, lassen eine Entstehung der Formation allein als Ergebnis natürlicher Erosionsprozesse ohne menschliches Einwirken zu. Der strittige Punkt liegt also darin, eindeutige Belege für eine künstliche Bearbeitung des Felsens – auch im Hinblick auf den “Terraforming” – Ansatz – zu liefern. Überprüfbare Belege hierfür stehen meines Wissens jedoch bis heute noch aus.
Im Gegenteil muss alles, was bislang in diesem Zusammenhang bekannt ist, lediglich als Faktendeutung im Sinne des jeweiligen Interpreten gesehen werden. Anhaltspunkte, die sowohl im Sinne einer natürlichen Bildungsgeschichte als auch einer künstlichen Herstellung deutbar sind, helfen hier nicht weiter. Sie schaffen nicht wirklich Klarheit und können leicht von Anhängern beider Arbeitshypothesen für ihre Sicht genutzt werden. Überzeugende Belege für die Einflussnahme einer menschlichen Zivilisation auf die Gestaltung der gesamten Formation oder auf Teile davon wären z.B. Funde von eindeutig arrangierten oder solchen Strukturen, die, wenn sie nicht im “Gegenuhrzeigersinn” zur natürlichen Formenbildung liegen, so zumindest die natürlichen Gegebenheiten erkennbar ergänzen. Ein überzeugendes Beispiel hierfür ist die Petra-Siedlung in Jordanien, deren Architektur die vorgegebene natürliche Geomorphologie nutzt, indem sie diese nach funktionellen Erfordernissen einbezieht und entsprechend umgestaltet. Überzeugende Gestaltungsmerkmale in diesem Sinne könnten etwa sein:
- Bauwerke oder Ruinen, die aus arrangiertem oder künstlich aufgeschichtetem Baumaterial bestehen (z.B. Mauerreste aus verfugtem/ verfestigtem Baumaterial)
- eindeutig zuordenbare Muster einer Infrastruktur, wie etwa Grundrisse von Gebäuden, eindeutige Spuren von Bearbeitung, Skulpturen, Symbole, Gravuren, nachvollziehbar planvoll angelegte Wege, Kanäle etc.
- informative, darstellende oder kulturell-religiös interpretierbare Symbole oder Ornamente
Dabei muss auch berücksichtigt werden, dass es den Vertretern der Bauwerks-Hypothese – zumindest anfangs – nicht um die Klärung der Frage, ob oder ob nicht die Form als natürliche Struktur irgendwann einmal durch Menschen genutzt worden ist – etwa von Jägern und Sammlern als Aussichtsplattform oder als rituell bedeutsame Stätte. Die Frage, um die es seinerzeit bei der Diskussion mit Graham Hancock und Prof. Kimura ging, ist, ob diese Formation ganz oder zum Teil das Produkt menschlicher Planungs- und Bautätigkeit ist oder nicht – das Zeugnis einer hoch stehenden Zivilisation oder ein “schlichtes” Naturwunder. Die Frage ob vielleicht irgendwann einmal in prähistorischer Zeit Menschen diese Plattform besucht oder ein Lagerfeuer auf ihr angezündet haben, war in diesem Zusammenhang irrelevant und scheint wohl auch derzeit nicht Gegenstand der Diskussion zu sein.
Bislang wurden der Öffentlichkeit keinerlei eindeutige Indizien für eine planvolle Bearbeitung präsentiert. Um die Entstehung der Formen am Hiseki Point hinreichend zu verstehen, ist die Annahme, es handle sich dabei um die Reste eines Bauwerkes schlichtweg nicht notwendig. Im Gegenteil müssten zur Untermauerung der Bauwerks-Hypothese eindeutige Belege präsentiert werden. Der grundsätzliche Punkt in der gesamten Diskussion besteht in der Tat einzig darin, dass die Bauwerks-Hypothese eindeutig und unzweifelhaft bewiesen werden muss, um jeden Zweifel über deren künstlich/ kulturellen Ursprung auszuräumen. Die Befürworter der rein natürlichen Entstehung hingegen, können sich in diesem Fall zurücklehnen und die derzeitige Faktenlage für sich sprechen lassen. Das ist – zugegebenermaßen – bequem, aber es ist die Wahrheit.
Die ausgeprägte Geometrie der Formation lässt Viele an einer rein natürlichen Entstehung des Komplexes zweifeln
Weltweit sind unter ähnlichen Bedingungen, wie sie für Yonaguni charakteristisch sind, morphologisch vergleichbare Strukturen zu finden. Die Situation um die Südostspitze von Yonaguni mag in diesem Zusammenhang und in Bezug auf die Vollständigkeit des Formeninventars auf so engem Raum wohl ein Glücksfall sein. Vergleichbares ist überall dort anzutreffen, wo harte, gut gebankte flach lagernde Sedimentgesteine (Sandstein, Siltstein oder auch Kalkstein) an einer Meeresküste mit hoher Erosionsdynamik anstehen und außerdem auch noch die klimatischen Bedingungen vergleichbar sind. Felskliffküsten, die zumindest einen Teil der um Hiseki Point auftretenden Formenelemente aufweisen, sind beispielsweise an einigen Orten entlang der Kanalküste zu finden. So z.B. in Frankreich (Halbinsel Crozon, “Pointe de Dinan”, Bretagne; Kreidekalkküste bei Etretat, Normandie) und England, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Auch die Nordseeinsel Helgoland hält einige der beschriebenen Formen bereit. Um Yonaguni herum fehlen andererseits auch die eindrucksvollen Brandungstore wie sie im Mittelmeerraum, an der europäischen Atlantikküste, aber auch in Australien häufig anzutreffen sind.
Geometrische Formen sind in der Natur keine Seltenheit. Ein gutes Beispiel hierfür bilden die bekannten Basaltsäulen. Diese polygonalen Strukturen von z.T. hochgeometrischer Komplexität entstehen senkrecht zu Abkühlungsfronten in Lavaströmen und -decken und bilden als Aufschluss an vielen Stellen der Erde bekannte Naturwunder (z.B. Schottland’s “Giant’s Causeway” sowie entsprechende Bildungen auf Lanzarote oder Island). In früheren Zeiten sind derartige Formen übrigens auch als kulturelle Überreste gedeutet worden.
Die Deutung des Gesehenen unterliegt oftmals der Perspektive und der Phantasie des jeweiligen Betrachters. Die steil aufrecht stehenden Wände aus Basaltsäulen im Bereich des isländischen Thingvellir etwa können auf den Betrachter sehr wohl wie die Überreste monumentaler Bauwerke wirken, sobald er sie ohne direkten Bezug zu ihrer natürlichen Entstehungsgeschichte beurteilt. Sieht man sich derartigen Wände – zergliedert durch senkrechte Säulenfugen und waagrecht verlaufende Querbrüche – in 20 Metern unter der Meeresoberfläche schwebend an, überwiegt die Vorstellung, es handle sich um die Reste einer Burgmauer. Eingeschränkte Sicht, der für normale Landbewohner eher ungewöhnliche Blickwinkel des Tauchers und der nahezu geschlossene Überzug aus einer mehr oder weniger dicken Schicht aus Algen und Kalkgehäusen unterschiedlicher Meeresorganismen verstellen nur allzu leicht den Blick für das Wesentliche. Das Verständnis für die Gesamtzusammenhänge geht unter diesen Umständen schnell verloren und macht dann leicht der kreativen Phantasie Platz.
Fazit nach derzeitigem Stand
All die Formen um Hiseki Point herum, die ich bislang gesehen habe, entsprechen ohne Ausnahme von ihrer Anlage und Ausbildung her den an dieser Stelle und unter den dort herrschenden Bedingungen zu erwartenden Erosionsmustern. Es ist trotz allem denkbar, dass einige von ihnen eine Überprägung durch menschliches Zutun erfahren haben könnten (“Terraforming”-Modell). Selbst hierfür fehlen aber bislang die wirklich überzeugenden Beweise. Es ist außerdem denkbar, dass mögliche Spuren menschlicher Tätigkeiten im Laufe der letzen 8000 Jahre verschwunden sind, eine Diskussion hierüber erübrigt sich allerdings.
Nach meiner derzeitigen Überzeugung sind die Felsformationen des Hiseki-Point – Monumentes das Ergebnis rein natürlicher Erosionsprozesse. Von weiteren Forschungen in diese Richtung wären allerhöchstens Hinweise in Richtung auf Steinbrucharbeiten oder behutsames “Terraforming” zu erwarten.
(Dieser Text ist am 03.01.2007 auf der alten Version von geoberg.de erschienen und wurde übernommen.)
Tags: Geologie, Hiseki Point, Japan, Lemurien, Medien, Pyramide, Yonaguni
In der Diskussion zum Wikipedia-Artikel haben Sie einen Link zu Fotos hinterlassen, der aber nicht mehr funktioniert. Wo sind denn die Bilder jetzt zu finden?
Die Fotos wurden im Zuge der Umstrukturierung von geoberg.de entfernt.
Hallo Alexander,
sorry für die späte Reaktion, aber ich bin erst jetzt über die Anfrage ‘gestolpert’. Also, die fraglichen Bilder hatte ich zur Verfügung gestellt. Wenn ich Ihnen weiter helfen kann, nehmen Sie doch mit mir direkt unter der e-mail w.wichmannhydra-institute.com Kontakt auf …
viele Grüße,
wolf