Am Samstag wurde bei ARTE die TV-Vorpremiere des Geschichtsdramas “Der Uranberg” ausgestrahlt. Der Film kann sich noch bis Freitag online angesehen werden. Aufgrund der mit bekannten deutschen Schauspielern besetzten Rollen hatte ich meine Skepsis gegen die Produktion hinten an gestellt und mich auf das Abenteuer eingelassen. Nicht zuletzt, weil der Drehbuchautor und Produzent Hans-Werner Honert mit folgender Aussage Hoffnung auf eine gut recherchierte und glaubwürdige Geschichte weckte:
“Der Wegweiser für die Zukunft ist die Vergangenheit. Und dafür muss die Vergangenheit ehrlich aufgearbeitet werden.”
Dem war leider nicht so.
Worum geht es?
Kurt Meinel kehrt nach dem 2. Weltkrieg 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück in seine erzgebirgische Heimat. Entnazifiziert, mit sozialistischen Idealen beladen, beginnt er seine Arbeit als Bergmann auf einem Schacht der SAG Wismut in Annaberg um Uran für den Weltfrieden zu fördern. Während er mit Lydia, der Tochter des befehlshabenden russischen Oberst Burski anbändelt und an der Bergakademie in Freiberg studieren möchte, warnt sein kauziger Vater, Obersteiger und noch immer Anhänger der Nationalsozialisten, eindringlich vor einem nahenden Grubenunglück. Beim Aufweiten und Weiterfahren alter Grubenbaue aus der Zeit des Silberbergbaus befürchtet er das Einbrechen eines “unterirdischen Sees”. Niemand nimmt ihn ernst. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.
Wer dabei an “Das Wunder von Lengede” und ähnliche ‘Event-Filme’ denkt, liegt nicht verkehrt. “Der Uranberg” reiht sich ein in die Riege der hölzernen und wenig authentischen Werke, die jüngere deutsche Geschichte an ein breites Publikum vermitteln wollen. Es ist eine wirre Mixtur aus Liebes-, Katastrophen- und Geschichtsfilm. Die Dialoge sind unglaubwürdig, vorhersehbar, die Charaktere nur wenig entwickelt.
Aus Sicht eines bergbau-affinen Geologen ist der Film zudem schlecht recherchiert. Mehrmals ist die Rede von “Wismut AG”, die es unter dieser Bezeichnung nie gab (SAG oder später SDAG Wismut). Kurt Meinel will zudem die “Bergbauakademie” besuchen. Es hätte dem Film zu mehr Authentizität verholfen, wenn von der “Bergakademie Freiberg” gesprochen und auch dort gedreht worden wäre. Lydia scheint im Film mehrmals pro Schicht zwischen ihrer Arbeit als Radiometristin untertage und ihrer Tätigkeit als gut dekorierte Rotarmistin auf dem Schachtgelände zu wechseln. Kaum zu glauben, dass sie während der Schicht mehrmals die Förderung im Schacht durch eine Seilfahrt hätte unterbrechen dürfen. Die Untertageszenen vom Abbau sind vermutlich ausschließlich der Vorstellungskraft des Drehbuchautors, nicht aber gründlicher Recherche entsprungen. Dabei hätte ein ausgiebiger Blick in den Klassiker “Sonnensucher” genügt, um ein realistischeres Bild für den Zuschauer zeichnen zu können. Die Liste ließe sich fortsetzen, angefangen bei völlig falschen Begrifflichkeiten bis hin zu historisch verdrehten Zusammenhängen.
Angesichts des für einen TV-Film vergleichsweise großen Budgets von 2,7 Mio. Euro, der guten Drehorte (u.a. Schlema, Crimmitschau, Annaberg-Buchholz, Tschechien) und des per se exzellenten Schauspieler-Pools hätte der Film mit Leichtigkeit ein Meisterwerk werden können. Es ist traurig anzusehen, wie aus einem so spannenden weltpolitischen Stoff eine seichte Liebes- und Katastrophenszenerie zusammengestückelt wurde. Ein Grund dafür ist sicher auch das extrem enge Zeitfenster von knapp 90 Minuten. Ein Zweiteiler hätte der Geschichte besser gestanden.
Dem Anspruch, die Vergangenheit ehrlich aufzuarbeiten, wird “der Uranberg” nur zu einem sehr geringen Teil gerecht. Vielleicht hätte Drehbuchautor Honert nicht nur “Romeo & Julia“, sondern neben “Sonnensucher” auch “Rummelplatz” von Werner Bräunig in seine Recherchen einfließen lassen sollen.
Fazit: nicht empfehlenswert, sondern enttäuschend.
(“Der Uranberg” soll evtl. auch im Kino gezeigt werden. Für März ist die offizielle Premiere in der ARD geplant.)
Tags: Bergbau, Film, Kritik, Rezension, SAG, Schlema, SDAG, Uran, Uranbergbau, Wismut
[...] auf meinem Fachblog geoberg.de habe ich eine Kritik zum Film „Der Uranberg“ veröffentlicht, der am Samstag auf ARTE lief und noch bis Freitag online geschaut werden kann. Soviel vorab: [...]
Nun, ich verstehe nichts vom Bergbau, aber ich denke, ein authentischer Bergbaufilm wollte dieser Film nicht sein.
Es ging doch viel mehr um ein Kapitel deutscher Geschichte, das mir als Wohlstandswessi aufgewachsene nicht so bekannt war. Natürlich weiß ich, dass sich das so sicher nicht abgespielt hat, zeigt es aber doch die Problematik des Wettlaufes um den Atombombenbau und der Umgang mit Menschen und deren “Materialwert”.
Abgesehen von meinen fachlichen Kritikpunkten finde ich, dass der Film selbst “die Problematik des Wettlaufes um den Atombombenbau und den Umgang mit Menschen” nur sehr oberflächlich und klischeebeladen abhandelt. Wenn du wirklich einen Einblick in diese Zeit bekommen willst, lege ich dir sehr “Sonnensucher” ans Herz. Gedreht zur Originalzeit an Originalschauplätzen und trotzdem ein kritischer Film, der zu DDR-Zeiten verboten war.
Deine Kritik ist im großen und ganzen nachvollziehbar. Gleich noch ein paar Details: “russische Kriegsgefangenschaft” ist wohl nur ein umgangssprachlicher Ausdruck. Ein Detail hast Du auch übersehen: Burski usw. war kein “Offizier der Roten Armee”, sondern des MGB (KGB-Vorläufer). Die Uniformen stimmen soweit wohl (“Blaumützen”, blaue Waffenfarbe). Dementsprechend Zusatzschnitzer im Filmdialog: “Sie [Meinel] haben einen Offizier der Roten Armee angegriffen”, oder so. Dazu 1: Rote Armee hieß bereits seit 1946 Sowjetarmee. 2. Keinem NKWD/MGB/KGB-Offizier wäre es wohl in den Sinn gekommen, sich oder Untergebene so bezeichnen. Allenfalls vielleicht “sowjetischen Offizier” oder so – aber wem fällt das schon auf.
Du hast mich nicht verstanden: Soo genau will/soll das Publikum das doch zur besten Sendezeit gar nicht wissen. Wenn der Film zu DDR-Zeiten verboten war, wird der mit Sicherheit nicht um 20:15 in den öffentlich-rechtlichen Sendern zu finden sein.
Es geht nicht darum, ob das Publikum das nicht so genau wissen will. Ob es will oder nicht, es bleiben durch den Film einige Klischees hängen, die eben nichts weiter sind als Klischees und mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Die deutliche Mehrheit wird das aber für bare Münze nehmen. Deshalb ist es aus meiner Sicht bei solchen auf wahren Begebenheiten beruhenden Filmen grundsätzlich unabdingbar, sich so nah in die Zeit und Umstände hineinzubegeben wie nur möglich. Der normale Zuschauer weiß schließlich nicht, ob die Fakten stimmen oder nicht.
Hallo, wollte ja nur kurz ein unstimmiges Detail anmerken, dass mir auffiel. Meine schon, dass man mit etwas Sorgfalt solche Fehler vermeiden könnte/sollte (histor. Richtigkeit). Und überhaupt: so klein ist der Schnitzer garnicht, denn ist nunmal Tatsache, dass die Aktion über den im weiteren Sinne Apparat der SU-Geheimpolizei lief und organisiert war. Und es daher ein Fehlschluß wäre zu sagen: “die Rote Armee hat den Uranbergbau in der Zone überwacht”, oder so.
Dass sowas vermutlich fast niemandem/nur wenigen auffällt, steht auf nem anderen Blatt. Ansonsten geh ich völlig d’accord mit dem bisher hier Festgestellten.
Eine andere kritische Szene war jene am Wetterschacht. Ich schiebe diesen vor Einfältig- und Einfallslosigkeit strotzenden Filmabschnitt einfach mal auf ein aufgebrauchtes Budget. Irgendwie fühlte ich mich in einen B-Movie versetzt…
Tja, die Filmemacher hätten wohl besser beim Drehbuch und der Umsetzung ab und zu mal ein paar Fachleute konsultiert.
@Lutz: Deiner Anmerkung: “…Mehrmals ist die Rede von “Wismut AG”, die es unter dieser Bezeichnung nie gab (SAG oder später SDAG Wismut…)” muss ich leider widersprechen.
Die Bezeichnung “Wismut AG” oder “AO ВИСМУТ” war in den Anfangsjahren im unternehmensinternen als auch im externen Bereich äußerst verbreitet. “AG” ist dabei als Kurzform zu sehen. Die Form “SAG Wismut” wurde zeitgenössisch (1947-53) so gut wie nie benutzt, sondern erst später. In der Langform wurde stets “СГАО” verwendet: vor 1954 stand das “Г” für “Staatliche”, ab 1954 für “Deutsche”.
siehe auch: http://forum.untertage.com/viewtopic.php?f=1&t=3524&start=390
Danke für die Hintergründe. Wieder was gelernt!
Als Beteiligter darf ich bemerken, dass es wohl nicht am Geld gelegen hat. Wohl eher an Sachverständigen, die keine waren. Viele Dinge wurden erst beim Dreh von den als Komparsen eingesetzten ehemaligen Bergleuten korrigiert. Ich denke, man hätte sich sonst lächerlich gemacht. Der Spagat zwischen historischer Korrektheit und dem allgemeinen Zeitgeist gelang hier nicht.
Den Kinofilm habe ich leider noch nicht sehen können.
Der ARTE – Schnitt war enttäuschend.
Der Streifen soll Jahresende 2011 im ARD Premiere haben.
Eine DVD gibt es bislang noch nicht.
geophys [22.09.2011]
[...] Erstausstrahlung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen an. Der Film greift sämtliche Klischees über die Wismut und den Bergbau im Allgemeinen auf und ist eher ein Liebesdrama als ein fundierter [...]